Die Vergangenheit beurteilen

231.

Wenn Katholiken und Lutheraner gemeinsam an die theologischen Kontroversen und Geschehnisse des 16. Jahrhunderts aus dieser Perspektive erinnern, müssen sie die Umstände dieses Jahrhunderts in Betracht ziehen. Lutheraner und Katholiken im 16. Jahrhundert können nicht für alles verantwortlich gemacht werden, was in den religiösen Konflikten geschehen ist, da viele Ereignisse sich ihrer Kontrolle entzogen. In diesem Jahrhundert waren theologische Überzeugungen und machtpolitische Interessen oft ineinander verwoben. Viele Politiker benutzten häufig genuin theologische Ideen, um ihre Ziele zu erreichen, während viele Theologen ihre eigenen theologischen Grundsätze mit politischen Mitteln vorantrieben. In diesem komplexen Umfeld mit zahlreichen Faktoren ist es schwer, die Verantwortung für die Auswirkungen bestimmter Aktionen einzelnen Personen zuzuschreiben und sie als Schuldige zu benennen.

232.

Die Spaltungen im 16. Jahrhundert wurzelten in einem unterschiedlichen Verständnis der Wahrheit des christlichen Glaubens. Die Kontroversen waren besonders hitzig, weil man der Überzeugung war, dass das Heil auf dem Spiel stand. Auf beiden Seiten hielten Menschen an theologischen Überzeugungen fest, die sie nicht aufgeben konnten. Man darf niemandem einen Vorwurf machen, der seinem Gewissen folgt, wenn es durch das Wort Gottes geformt ist und wenn es zu seinen Urteilen nach ernsthafter Beratung mit anderen gekommen ist.

233.

Eine ganz andere Sache ist jedoch, wie Theologen ihre theologischen Überzeugungen im Kampf um die öffentliche Meinung vorgebracht haben. Im 16. Jahrhundert haben Katholiken und Lutheraner ihre Gegner oft nicht nur missverstanden, vielmehr stellten sie deren Meinung übertrieben dar und karikierten sie, um sie lächerlich zu machen. Sie verstießen immer wieder gegen das achte Gebot, das verbietet, falsches Zeugnis wider den Nächsten zu geben. Selbst wenn die Gegner manchmal geistig fair zueinander waren, war die Bereitwilligkeit, dem anderen zuzuhören und sein Ansinnen ernst zu nehmen, unzureichend. Die Kontrahenten wollten ihre Gegner widerlegen und bezwingen, und sie taten dies häufig dadurch, dass sie Konflikte bewusst verschärften, statt Lösungen zu suchen, indem sie auf das geschaut hätten, was sie gemeinsam hatten. Bei der Charakterisierung der Gegenseite spielten Vorurteile und Missverständnisse eine große Rolle. Gegensätze wurden konstruiert und an die nächste Generation weitergegeben. Hier haben beide Seiten allen Grund, die Art und Weise zu bedauern und zu beklagen, wie sie ihre Debatten geführt haben. Sowohl Lutheraner als auch Katholiken tragen Schuld. Es ist notwendig, sie in der Erinnerung an die Ereignisse vor 500 Jahren offen zu bekennen.