Der Blick nach vorn: Das Evangelium und die Kirche

211.

Der ökumenische Dialog hat Katholiken nicht nur ein besseres Verständnis der Theologie Martin Luthers gegeben, er hat auch in Verbindung mit historischer und theologischer Forschung Lutheranern und Katholiken ein besseres wechselseitiges Verständnis ihrer jeweiligen Lehren vermittelt, der Hauptpunkte, in denen sie übereinstimmen, wie der Themen, die weitergehender Gespräche bedürfen. Die Kirche war ein wichtiger Gegenstand in diesen Diskussionen.

212.

Das Wesen der Kirche war ein Kontroversthema in der Zeit der Reformation. Die vorrangige Frage war die nach dem Verhältnis zwischen dem Heilshandeln Gottes und der Kirche, die Gottes Gnade empfängt und weitergibt in Wort und Sakrament. Das Verhältnis von Evangelium und Kirche war das Thema der ersten Phase des internationalen lutherisch/römisch-katholischen Dialogs. Auf Grund von dessen Malta-Bericht und vieler anderer folgender ökumenischer Dokumente ist es heute möglich, die lutherischen und katholischen Positionen besser zu verstehen und sowohl das gemeinsame Verständnis wie die Fragen, die weiterer Untersuchung bedürfen, festzustellen.

Die Kirche in der lutherischen Tradition

213.

In der lutherischen Tradition wird die Kirche verstanden als »die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente recht verwaltet werden« ( Confessio Augustana (BSLK, 31–137)
CA
VII ). Somit hat das geistliche Leben sein Zentrum in der Ortsgemeinde, die um Kanzel und Altar versammelt ist. Das schließt die Dimension der universalen Kirche ein, weil jede einzelne Gottesdienstgemeinde mit den anderen verbunden ist durch die reine Lehre und die rechte Feier der Sakramente, für die das Amt in der Kirche eingesetzt ist. Bemerkenswerterweise versteht Luther im Großen Katechismus die Kirche als »die Mutter, die jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes, das der Heilige Geist offenbart und treibt [. . .] So bleibt der Heilige Geist bei der heiligen Gemeine oder Christenheit bis auf den Jüngsten Tag. Durch sie holt er uns, er gebraucht sie dazu, das Wort zu führen und zu treiben.«77

Die Kirche in der katholischen Tradition

214.

Die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils in Lumen gentium ist für das katholische Verständnis der Kirche wesentlich. Die Konzilsväter erklärten die Rolle der Kirche in der Heilsgeschichte mit dem Begriff der Sakramentalität: »Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
1 )

215.

Ein grundlegender Begriff zur Erklärung dieses sakramentalen Verständnisses der Kirche ist der Begriff des Geheimnisses (mysterium); er bekräftigt die untrennbare Beziehung zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Aspekten der Kirche. Die Konzilsväter lehrten: »Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfasst und trägt sie als solches unablässig; so gießt er durch sie Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst.« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
8 )