Das Konzil von Trient

78.

Das Konzil von Trient (1545–1563), das eine Generation nach Luthers Reformen einberufen wurde, begann vor dem Schmalkaldischen Krieg (1546–1547) und endete nach dem Frieden von Augsburg (1555). Die Bulle Laetare Jerusalem (19. November 1544) benannte drei Hauptaufgaben für das Konzil: die Heilung der konfessionellen Trennung, die Reform der Kirche und die Wiederherstellung des Friedens, damit eine Verteidigung gegen die Ottomanen in die Wege geleitet werden könnte.

79.

Das Konzil entschied, dass es bei jeder Sitzung ein Lehrdekret geben sollte, das den Glauben der Kirche bekräftigte, und ein die Disziplin betreffendes Dekret, das helfen sollte, die Kirche zu reformieren. In den meisten Fällen boten die dogmatischen Dekrete keine umfassende theologische Darlegung des Glaubens; vielmehr konzentrierten sie sich auf jene Lehren, die von den Reformatoren bestritten worden waren, und zwar unter Betonung der Unterschiede.

Schrift und Tradition

80.

Das Konzil billigte am 8. April 1546 das Dekret über die Quellen der Offenbarung mit dem Ziel, »dass nach Aufhebung der Irrtümer des Evangeliums Reinheit selbst in der Kirche bewahrt werde«. Ohne es ausdrücklich zu nennen, verwarf das Konzil das Prinzip sola scriptura, indem es gegen eine Isolierung der Schrift von der Tradition argumentierte. Das Konzil bestimmte, dass das Evangelium, »die Quelle aller heilsamen Wahrheit und Sittenlehre« bewahrt wurde »in geschriebenen Büchern und ungeschriebenen Überlieferungen«, ohne jedoch die Beziehung zwischen Schrift und Tradition zu klären. Ferner lehrte es, dass die Glauben und Sitten betreffenden apostolischen Traditionen »in beständiger Folge in der katholischen Kirche bewahrt« wurden. Schrift und Tradition sollten »mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht« angenommen werden.19

81.

Das Dekret enthielt eine Liste mit den kanonischen Büchern des Alten und Neuen Testaments. Das Konzil bestand darauf, dass die Heiligen Schriften weder gegen die Lehre der Kirche noch »gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter«20ausgelegt werden dürfen. Schließlich erklärte das Konzil, dass die alte lateinische Vulgata-Ausgabe der Bibel der authentische Text für den Gebrauch in der Kirche sei.21

Rechtfertigung

82.

Was die Rechtfertigung betrifft, verwarf das Konzil sowohl die pelagianische Lehre der Werkgerechtigkeit wie auch die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben allein (sola fide), wobei es »Glauben« vor allem als Zustimmung zur geoffenbarten Lehre verstand. Das Konzil bekräftigte die christologische Grundlage der Rechtfertigung, indem es betonte, dass die Menschen in Christus eingegliedert werden und dass die Gnade Christi für den ganzen Prozess der Rechtfertigung notwendig ist, auch wenn der Prozess Dispositionen für die Gnade oder die Mitwirkung des freien Willens nicht ausschließt. Es erklärte, dass das Wesen der Rechtfertigung nicht Sündenvergebung allein ist, sondern auch die »Heiligung und Erneuerung des inneren Menschen«22durch die übernatürliche Liebe. Die Formalursache der Rechtfertigung ist »die Gerechtigkeit Gottes, nicht (jene), durch die er selbst gerecht ist, sondern (de), durch die er uns gerecht macht«, und die Zweckursache ist »die Ehre Gottes und Christi sowie das ewige Leben«23. Der Glaube, so betonte das Konzil, ist Anfang, »Grundlage und Wurzel jeder Rechtfertigung«24. Die Gnade der Rechtfertigung kann durch eine Todsünde verloren werden und nicht nur durch den Verlust des Glaubens, während sie durch das Sakrament der Buße wieder gewonnen werden kann.25 Das Konzil bekräftigte, dass das ewige Leben Gnade ist, nicht nur Lohn.26

Die Sakramente

83.

Auf seiner 7. Sitzung legte das Konzil dar, dass die Sakramente die gewöhnlichen Mittel sind, »durch die jede wahre Gerechtigkeit entweder anfängt oder, wenn sie angefangen hat, vermehrt wird, oder, wenn sie verloren wurde, wiederhergestellt wird«27. Das Konzil erklärte, dass Christus sieben Sakramente eingesetzt habe, und verteidigte sie als wirksame Zeichen, die die Gnade durch ihren Vollzug als solchen verursachen (ex opere operato) und nicht einfach auf Grund des Glaubens des Empfängers.

84.

Die Debatte über die Kommunion unter beiden Gestalten brachte die Lehre zum Ausdruck, dass unter jeder Gestalt der ganze und ungeteilte Christus empfangen wird.28 Nach dem Abschluss des Konzils (16. April 1565) genehmigte der Papst den Laienkelch unter bestimmten Umständen für mehrere kirchlichen Provinzen in Deutschland und den habsburgischen Erblanden.

85.

Als Antwort auf die reformatorische Kritik am Opfercharakter der Messe bekräftigte das Konzil die Messe als Sühnopfer, das das Kreuzesopfer gegenwärtig macht. Das Konzil lehrte, dass die Messe nicht eine Wiederholung des ein für allemal vollbrachten Opfers auf Golgatha ist, weil der Priester in der Messe die gleichen Opfergaben wie am Kreuz darbringt, jedoch in verschiedener Weise. Das Konzil bestimmte, dass die Messe zur Ehre der Heiligen und für lebende wie verstorbene Gläubige dargebracht werden kann.29

86.

Das Dekret über die heiligen Weihen definierte den sakramentalen Charakter der Ordination und dass es eine kirchliche Hierarchie auf Grund göttlicher Anordnung gebe.30

Pastoralreformen

87.

Das Konzil leitete auch Pastoralreformen in die Wege. Seine Reformdekrete förderten eine wirksamere Verkündigung des Wortes Gottes durch die Errichtung von Seminaren, um Priester besser auszubilden, und durch die Forderung, dass an Sonn- und Festtagen gepredigt werden müsse. Bischöfe und Priester wurden verpflichtet, in ihren Diözesen und Gemeinden zu wohnen. Das Konzil stellte einige Missbräuche in Fragen der Jurisdiktion, Ordination, Patronat, Pfründen und Ablässen zur selben Zeit ab, als es die bischöfliche Macht ausdehnte. Bischöfe wurden ermächtigt, Visitationen von exempten Gemeindepfründen vorzunehmen und Aufsicht über die pastorale Arbeit von exempten Orden und Kapiteln auszuüben. Es sah Provinzial- und Diözesansynoden vor. Um den Glauben besser kommunizieren zu können, unterstützte das Konzil die aufkommende Entstehung von Katechismen wie den des Petrus Canisius, und es traf Vorbereitungen für den Römischen Katechismus.

Frère Alois, Gemeinschaft von Taizé
500 Jahre nach der Gegenreformation - Katholische Kirche im Umbruch?

Sonderbar: In einer katholischen Familie aufgewachsen habe ich in Taizé weiter Katholischsein gelernt. Und ebenso habe ich das Erbe der Reformation tiefer kennen und schätzen gelernt. Es gehört mittlerweile wie meine katholische Herkunft zu meiner Glaubensgeschichte. Ich finde meine Identität als Christ auf dem Weg der Versöhnung.

Ohne den entscheidenden Durchbruch des II. Vatikanischen Konzils wäre dieser Weg undenkbar. Die im 20.Jahrhundert in vielen Kirchen gewachsene ökumenische Offenheit ermöglicht uns Brüdern der Communauté, mit unseren je eigenen Glaubensgeschichten ein gemeinsames Leben in Christus zu führen.

In der Begegnung und im Gespräch mit Jugendlichen aus aller Welt und aus verschiedenen Traditionen wird uns deutlich, wie dringend es ist, den Glauben neu zu formulieren. Das können wir nur gemeinsam tun. Ein "aggiornamento", wie es das II. Vaticanum angestoßen hat, ist für die Kontinuität der Kirchen im globalen Kontext unerlässlich.

Die Zeit ist gekommen, um Konsequenzen aus der wachsenden theologischen Übereinstimmung zu ziehen und Versöhnung zu wagen. Die bestehenden Unterschiede sollen uns nicht daran hindern, häufiger unter einem Dach zusammen zu kommen, um gemeinsam Christus, unseren Herrn, zu loben! Kann der Heilige Geist uns nicht leichter in die ganze Wahrheit führen, wenn wir näher zusammenrücken?

Frère Alois Löser ist Prior der ökumenischen Bruderschaft von Taizé. Foto: Sabine Leutenegger

Konsequenzen

88.

Auch wenn das Konzil von Trient in großem Maß eine Antwort auf die protestantische Reformation war, verurteilte es dennoch nicht Einzelne oder Gemeinschaften, sondern bestimmte Lehrauffassungen. Weil die Lehrdekrete weithin auf das, was man als protestantische Irrtümer verstand, antworteten, förderte das Konzil ein polemisches Verhältnis zwischen Evangelischen und Katholiken, das dahin tendierte, den Katholizismus im Gegensatz zum Protestantismus zu definieren. In diesem Ansatz verhielt es sich spiegelbildlich zu manchen lutherischen Bekenntnisschriften, die ihrerseits lutherische Positionen durch ihre Opposition bestimmten. Die Entscheidungen des Konzils von Trient legten die Grundlage für die Ausbildung der katholischen Identität bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil.

Friedrich Weber, Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa
Zum Glück bin ich nicht wie Du – Sind die Konfessionskirchen heute überholt?

Ich bin gerne evangelisch und das mit meiner Familie schon viele hundert Jahre. In meinem theologischen Denken und Handeln bin ich stark von der Theologie Martin Luthers bestimmt. Trotz der Beheimatung in der lutherischen Konfessionsfamilie stehe ich zu dem in der europäischen protestantischen Ökumene gelebten Prinzip der „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“.

Die Begriffe lassen deutlich werden, dass das Verbindende zwischen den Konfessionen gesucht wird. Dies kann nur gelingen, wenn die Identität der je anderen respektiert wird. Dazu gehört das Wissen um die eigene Konfession. Dies erst ermöglicht das Gespräch, das das Gemeinsame sucht und zugleich das noch Trennende danach befragt, ob es so schwer wiegt, dass keine Kirchengemeinschaft geschlossen werden kann. Die Leuenberger Konkordie von 1973 ist hier richtungsweisend. Ihr Kern heißt: Übereinstimmung zwischen den Kirchen bedarf es lediglich im Verständnis des Evangeliums. Das aber bedeutet: Das Miteinander der Konfessionen und Kirchen in Europa muss bestimmt sein von Achtung des Anderen auch in seiner organisatorischen Gestalt. Zugleich geht es um die Christusgemäßheit des Zeugnisses und im Suchen nach ihr sind die Konfessionen geeint.

Prof. Dr. Friedrich Weber ist Geschäftsführender Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Foto: LWB

89.

Am Ende der dritten Periode musste das Konzil von Trient nüchtern feststellen, dass die Einheit der Kirche im Westen zerbrochen war. Neue Kirchenstrukturen entwickelten sich in den lutherischen Territorien. Der Augsburger Religionsfriede 1555 sicherte zunächst stabile politische Beziehungen, aber er konnte den großen europäischen Konflikt des 17. Jahrhunderts, den Dreißgjährigen Krieg (1618–1648), nicht verhindern. Die Ausbildung säkularer Nationalstaaten mit starken konfessionellen Abgrenzungen blieb eine Bürde, die aus der Reformationszeit geblieben ist.

19 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1501 (Dekret über die Annahme der heiligen Bücher und der Überlieferungen; 4. Sitzung, 8. April 1546).

20 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1507 (Dekret über die Vulgata-Ausgabe der Bibel und die Auslegungsweise der
Heiligen Schrift; 4. Sitzung, 8. April 1546).

21 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1506.

22 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1528 (Dekret über die Rechtfertigung, Kap. VII; 6. Sitzung, 13. Januar 1547).

23 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1529.

24 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1532 (Dekret über die Rechtfertigung, Kap. VIII).

25 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1542–1544 (Dekret über die Rechtfertigung, Kap. XIV–XV).

26 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1545 (Dekret über die Rechtfertigung, Kap. XVI).

27 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1600 (Dekret über die Sakramente; 7. Sitzung, 3. März 1547).

28 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1729.1732 (Lehre und Kanones über die Kommunion, Kap. III und can. 2; 21. Sitzung, 16. Juli 1562).

29
H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1743.1753 (Lehre und Kanones über das Messopfer, Kap. II und can. 3; 22. Sitzung, 17. September 1562).

30 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
1766–1770 (Lehre und Kanones über das Sakrament der Weihe, Kap. III und IV; 23. Sitzung, 15. Juli 1563).