Theologische Versuche zur Überwindung des Konflikts

69.

Das Augsburger Bekenntnis (1530) war der Versuch, den mit der lutherischen Reformation aufgebrochenen religiösen Konflikt zu lösen. Sein erster Teil (Artikel 1–21) präsentiert die lutherische Lehre als in Übereinstimmung mit der Lehre »der katholischen oder römischen Kirche«17. Sein zweiter Teil (Artikel 22–28) handelt von Veränderungen, die die Reformatoren initiiert hatten, um bestimmte Praktiken, die sie als Missbräuche verstanden, zu korrigieren, und von den Gründen für die Veränderung dieser Praktiken. Am Schluss von Teil 1 heißt es: »Das ist beinahe die Zusammenfassung der Lehre bei uns. In ihr kann nichts erkannt werden, was von der Schrift oder von der katholischen oder der römischen Kirche, soweit diese uns aus den Schriftstellern bekannt ist, abweicht. Weil dies so ist, urteilen die zu scharf, die verlangen, dass die Unseren für Ketzer zu halten sind.«18

70.

Das Augsburger Bekenntnis ist ein starkes Zeugnis für die Entschlossenheit der lutherischen Reformatoren, die Einheit der Kirche zu bewahren und innerhalb der einen sichtbaren Kirche zu bleiben. Indem es die Differenz ausdrücklich als von geringerer Bedeutung dargestellt hat, ist dieses Bekenntnis dem ähnlich, was wir heute einen differenzierenden Konsens nennen würden.

71.

Sogleich sahen einige katholische Theologen die Notwendigkeit, auf das Augsburger Bekenntnis zu antworten, und sie verfassten rasch die Confutatio (Widerlegung) des Augsburger Bekenntnisses. Diese Confutatio schloss sich eng an den Text und die Argumente der Confessio Augustana an. Die Confutatio konnte zusammen mit dem Augsburger Bekenntnis einige zentrale christliche Lehren bejahen wie die Trinitätslehre, die Christologie und die Tauflehre. Die Confutatio wies jedoch eine Reihe von lutherischen Auffassungen zur Lehre von der Kirche und den Sakramenten unter Berufung auf biblische und patristische Texte zurück. Da die Lutheraner durch die Argumente der Confutatio nicht überzeugt werden konnten, wurde Ende August 1530 ein offizieller Dialog begonnen, um die Differenzen zwischen Confessio und Confutatio zu versöhnen. Diesem Dialog gelang es jedoch nicht, die verbliebenen Probleme im Verständnis der Kirche und der Sakramente zu lösen.

72.

Ein anderer Versuch, den religiösen Konflikt zu überwinden, waren die sogenannten Religionsgespräche (Speyer/Hagenau [1540], Worms [1540–1541], Regensburg [1541–1546]). Der Kaiser oder sein Bruder, König Ferdinand, beriefen die Unterredungen ein; sie fanden unter der Leitung eines kaiserlichen Repräsentanten statt. Ziel war es, die Lutheraner zu überzeugen, zu den Auffassungen ihrer Gegner zurückzukehren. Taktiken, Intrigen und politischer Druck spielten in ihnen eine große Rolle.

73.

Die Verhandlungen führten zu einem bemerkenswerten Text über die Rechtfertigungslehre im Regensburger Buch (1541). Hingegen schien der Konflikt um die Lehre von der Eucharistie unüberwindlich. Am Ende verwarfen Rom und Luther die Ergebnisse, so dass diese Verhandlungen endgültig scheiterten.