Katholische Entwicklungen

26.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich in Aufnahme der biblischen, liturgischen und patristischen Erneuerung der vorangegangenen Jahrzehnte mit Themen wie Wertschätzung und Hochachtung der Heiligen Schrift im Leben der Kirche, Wiederentdeckung des gemeinsamen Priestertums aller Getauften, Notwendigkeit ständiger Läuterung und Reform der Kirche, Verständnis des kirchlichen Amtes als Dienst und Bedeutung der Freiheit und Verantwortung der Menschen, darunter die Anerkennung der Religionsfreiheit, befasst.

27.

Das Konzil hat außerdem Elemente der Heiligung und der Wahrheit auch außerhalb der Strukturen der Römisch-katholischen Kirche anerkannt. Es erklärte, dass »einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können«, und es nannte als diese Elemente »das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio (LThK2, Erg.bd. II, 9–126)
UR
3 ). Das Konzil sprach auch von »zahlreiche[n] liturgische[n] Handlungen der christlichen Religion«, die die »von uns getrennten Brüder« vollziehen, und sagte, diese könnten »auf verschiedene Weise je nach der verschiedenen Verfasstheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel tatsächlich das Leben der Gnade zeugen [. . .] und [müssten] als geeignete Mittel für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio (LThK2, Erg.bd. II, 9–126)
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3 ). Die Anerkennung erstreckt sich nicht nur auf die einzelnen Elemente und Vollzüge in diesen Gemeinschaften, sondern auch auf die »getrennten Kirchen und Gemeinschaften« selbst. »Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio (LThK2, Erg.bd. II, 9–126)
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3 ).

28.

Im Licht der Erneuerung der katholischen Theologie, die im Zweiten Vatikanischen Konzil sichtbar geworden ist, können Katholiken heute Martin Luthers Reformanliegen würdigen und sie mit größerer Offenheit betrachten, als dies früher möglich schien.

29.

Eine implizite Annäherung an Luthers Anliegen hat zu einer neuen Beurteilung seiner Katholizität geführt. Dies geschah im Kontext der Erkenntnis, dass es seine Absicht war, die Kirche zu reformieren, und nicht, die Kirche zu spalten. Beide Einsichten treten deutlich in den Erklärungen von Johannes Kardinal Willebrands und Papst Johannes Paul II. hervor6. Die Wiederentdeckung dieser beiden wesentlichen Merkmale seiner Person und Theologie hat zu einem neuen ökumenischen Verständnis Luthers als einem »Zeugen des Evangeliums« geführt.

30.

Auch Papst Benedikt XVI. hat, als er 2011 das Augustinerkloster in Erfurt besuchte, in dem Luther sechs Jahre lang als Bruder gelebt hat, anerkannt, dass und wie Martin Luthers Person und Theologie eine geistliche und theologische Herausforderung für die katholische Theologie heute darstellen. Papst Benedikt führte aus: »Was ihn [Luther] umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. ›Wie kriege ich einen gnädigen Gott?‹: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott. ›Wie kriege ich einen gnädigen Gott?‹ Dass diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch – auch unter Christenmenschen? Was bedeutet die Frage nach Gott in unserem Leben? In unserer Verkündigung? Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus, dass Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert.«7

6 Jan Willebrands, Gesandt in die Welt (Vortrag vor der Fünften Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds), in: Chr. Krause/W. Müller-Römheld (Hg.), Evian 1970. Offizieller Bericht der Fünften Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (epd dokumentation, Bd. 3), Witten/Frankfurt/Berlin 1970, (87–100) 97–99; John Paul II, »Letter to Cardinal Willebrands for the Fifth Centenary of the Birth of Martin Luther,« in: Information Service, no. 52 (1983/II), 83 f.


7 Benedikt XVI., Treffen mit Vertretern des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, 23. September 2011, auf www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2011/september/documents/hf_ben-cvi_spe_20110923-evangelical-church-erfurt_de.html.