Der Charakter des Gedenkens in der Vergangenheit

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Der 31. Oktober 1517 wurde bereits recht früh zu einem Symbol für die evangelische Reformation des 16. Jahrhunderts, und noch heute erinnern viele lutherische Kirchen jedes Jahr am 31. Oktober an die Ereignisse, die als »Reformation« bezeichnet werden. Die Jahrhundertfeiern der Reformation wurden aufwändig und festlich begangen. Bei diesen Feierlichkeiten traten die gegensätzlichen Ansichten der verschiedenen konfessionellen Gruppen besonders sichtbar zutage. Lutheranern bot sich bei den Gedenktagen und den Jahrhundertfeiern immer wieder die Möglichkeit, die Geschichte des Beginns der charakteristischen – evangelischen – Form ihrer Kirche zu erzählen, um ihre
besondere Existenz zu rechtfertigen. Dies war natürlich verbunden mit Kritik an der Römisch-katholischen Kirche. Auf der anderen Seite nutzten Katholiken diese Gedenktage als Gelegenheiten, um den Lutheranern eine nicht zu rechtfertigende Abspaltung von der wahren Kirche und eine Zurückweisung des Evangeliums von Christus vorzuwerfen.

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister
Feiertag für alle?

500 Jahre Reformation: Dieses Ereignis steht für einen tiefgreifenden Wandel in der europäischen Geschichte – nicht nur religiös, sondern auch gesellschaftlich und politisch. Was als Diskussionsbeitrag zu Fragen des Ablasshandels in Form von Martin Luthers Thesen an der Wittenberger Kirchentür begann, veränderte in Europa nachhaltig die Vorstellungen von Glauben, Individualität und Gesellschaft. Luthers Lehre von den beiden Reichen, aufbauend auf den bekannten Ausspruch Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, hat dazu beigetragen, dass wir heute in Deutschland in einer freiheitlichen, pluralistischen Demokratie leben können.

Der weltanschaulich neutrale Staat ist nach Artikel 4 des Grundgesetzes verpflichtet, nicht nur die Religionsfreiheit zu gewährleisten, sondern auch die Religionsausübung zu ermöglichen. Um zu erkennen, wie wertvoll das ist, genügt ein Blick in die Leidensgeschichte von Menschen, die in anderen Regionen der Welt auch heute noch aus religiösen Gründen verfolgt werden. Umso dankbarer sollten wir in unserem Land für die segensreichen Folgen der Reformation vor 500 Jahren sein. Nutzen wir alle gemeinsam – ob Christen oder Nichtchristen, ob religiös oder areligiös – den einmaligen Feiertag am 31. Oktober 2017, um uns an diese glückliche Wendung in unserer Geschichte zu erinnern, die uns bis heute prägt.

Dr. Wolfgang Schäuble (CDU) ist Bundesminister der Finanzen

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Oft beeinflussten politische und kirchenpolitische Interessen die früheren Jahrhundertfeiern. Im Jahr 1617 zum Beispiel trug die Hundertjahrfeier dazu bei, die gemeinsame reformatorische Identität von Lutheranern und Reformierten zu stabilisieren und zu beleben, indem sie diesen Gedenktag gemeinsam begingen. Lutheraner und Reformierte demonstrierten ihre Solidarität durch starke Polemik gegen die Römisch-katholische Kirche. Gemeinsam feierten sie Luther als Befreier
vom römischen Joch. Viel später, im Jahr 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde Luther als deutscher Nationalheld dargestellt.