Die fünf ökumenischen Imperative – Konkret werden

Im Alltag spielen historische Verwerfungen und theologische Auseinandersetzungen, wie im Dokument benannt, häufig eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist das konkrete Erleben eines gewachsenen ökumenischen Miteinanders. Um dieses zu vertiefen, werden im Schlusskapitel des Dialog-Dokuments fünf ökumenische Imperative aufgestellt:

 

  • Gemeinsamkeiten statt Unterschiede betonen
  • Nicht auf alten Positionen verharren
  • Die sichtbare Einheit als Ziel suchen
  • Aus der Kraft des Evangeliums leben
  • Zeugnis für Gottes Gnade geben

 

[Redaktion 2017gemeinsam.de]

Fünf ökumenische Imperative

238.

Katholiken und Lutheraner nehmen wahr, dass sie und die Gemeinschaften, in denen sie ihren Glauben leben, zu dem einen Leib Christi gehören. Es wächst das Bewusstsein, dass der Streit des 16. Jahrhunderts zu Ende ist. Die Gründe dafür, den Glauben der Anderen gegenseitig zu verurteilen, sind hinfällig geworden. So ergeben sich fünf Imperative für das gemeinsame Gedenken von Lutheranern und Katholiken im Jahr 2017.

239.

Lutheraner und Katholiken sind aufgerufen, aus der Perspektive der Einheit des Leibes Christi zu denken und nach dem zu suchen, was diese Einheit zum Ausdruck bringt und der Gemeinschaft des einen Leibes Christi dient. Durch die Taufe erkennen sie einander gegenseitig als Christen an. Diese Orientierung erfordert eine fortwährende Umkehr des Herzens.

Der erste Imperativ: Katholiken und Lutheraner sollen immer von der Perspektive der Einheit und nicht von der Perspektive der Spaltung ausgehen, um das zu stärken, was sie gemeinsam haben, auch wenn es viel leichter ist, die Unterschiede zu sehen und zu erfahren.

240.

Im Lauf der Geschichte haben Katholiken und Lutheraner ihre Bekenntnisse im Gegensatz zueinander bestimmt. So litten sie unter einer Einseitigkeit, die bis heute besteht, wenn es um bestimmte Fragen geht, wie zum Beispiel die Frage der Autorität. Da diese Probleme in ihrem wechselseitigen Konflikt wurzeln, können sie nur gelöst oder zumindest erörtert werden, wenn durch gemeinsame Anstrengungen die Gemeinschaft vertieft und gestärkt wird. Katholiken und Lutheraner brauchen die Erfahrung, die Ermutigung und die Kritik des jeweils Anderen.

Der zweite Imperativ: Lutheraner und Katholiken müssen sich selbst ständig durch die Begegnung mit dem Anderen und durch das gegenseitige Zeugnis des Glaubens verändern lassen.

241.

Katholiken und Lutheraner haben durch den Dialog viel gelernt und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass die Gemeinschaft miteinander unterschiedliche Formen und Grade haben kann. Mit Blick auf 2017 sollten sie ihre Anstrengungen erneuern – in Dankbarkeit für das, was bisher schon erreicht worden ist; mit Geduld und Beharrlichkeit, weil der Weg länger sein könnte als erwartet; mit Eifer, der es nicht zulässt, mit der gegenwärtigen Situation zufrieden zu sein; in Liebe füreinander auch in Zeiten der Uneinigkeit und des Konflikts; mit dem Glauben an den Heiligen Geist, in der Hoffnung, dass der Geist das Gebet Jesu zum Vater erfüllen wird, und mit aufrichtigem Gebet, das dies geschehen möge.

Der dritte Imperativ: Katholiken und Lutheraner sollen sich erneut dazu verpflichten, die sichtbare Einheit zu suchen, sie sollen gemeinsam erarbeiten, welche konkreten Schritte das bedeutet, und sie sollen immer neu nach diesem Ziel streben.

242.

Katholiken und Lutheraner haben die Aufgabe, ihren Mitchristen das Verständnis des Evangeliums und des christlichen Glaubens wie auch frühere Traditionen der Kirche neu zu erschließen. Die Herausforderung besteht darin zu verhindern, dass man durch die erneute Beschäftigung mit der Tradition in die alten konfessionellen Gegensätze zurückfällt.

Der vierte Imperativ: Lutheraner und Katholiken müssen gemeinsam die Kraft des Evangeliums Jesu Christi für unsere Zeit wiederentdecken.

243.

Ökumenisches Engagement für die Einheit der Kirche dient nicht nur der Kirche selbst, sondern auch der Welt, damit die Welt glaubt. Die missionarische Aufgabe der Ökumene wird größer, je pluralistischer unsere Gesellschaften in religiöser Hinsicht werden. Auch hier sind Umdenken und Umkehr gefordert.

Der fünfte Imperativ: Katholiken und Lutheraner sollen in der Verkündigung und im Dienst an der Welt zusammen Zeugnis für Gottes Gnade ablegen.

244.

Der ökumenische Weg ermöglicht es Lutheranern und Katholiken, gemeinsam Martin Luthers Einsicht und seine geistliche Erfahrung des Evangeliums von der Gerechtigkeit Gottes, die zugleich die Gnade Gottes ist, zu verstehen und zu würdigen. Im Vorwort zur Ausgabe seiner lateinischen Werke (1545) notierte er, dass er »dank Gottes Erbarmen, unablässig Tag und Nacht darüber nachsinnend«, ein neues Verständnis von Römer 1,17 gewonnen hatte: »Da hatte ich das Empfinden, dass ich ganz und gar neu geboren war, und dass ich durch geöffnete Pforten in das Paradies selbst eingetreten war. Da zeigte mir sogleich die ganze Schrift ein anderes Gesicht [. . .]. Später las ich Augustinus’ Der Geist und der Buchstabe, wo ich wider Erwarten darauf stieß, dass auch er Gottes Gerechtigkeit auf ähnliche Weise interpretierte, als die Gerechtigkeit, mit der Gott uns bekleidet, wenn er uns rechtfertigt.«84

245.

Das Gedenken an die Anfänge der Reformation ist dann angemessen, wenn Lutheraner und Katholiken gemeinsam das Evangelium von Jesus Christus hören und wenn sie sich immer wieder neu in die Gemeinschaft mit dem Herrn rufen lassen. Dann werden sie vereint sein in der gemeinsamen Sendung, wie sie die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre beschreibt: »Lutheraner und Katholiken haben gemeinsam das Ziel, in allem Christus zu bekennen, dem allein über alles zu vertrauen ist als dem einen Mittler (1 Tim 2,5 f.), durch den Gott im Heiligen Geist sich selbst gibt und seine erneuernden Gaben schenkt« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
18 ).

84 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
54; 186,3.8–10.16–18 (Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe der lateinischen Schriften Luthers; 1545).