Jesus, der wahre Weinstock – 2017 als Christusfest: Eine ökumenische Chance?

Prof. Dr. Thomas Sternberg

Sehr frei assoziiere ich beim Blick auf den aktuellen Stand der Ökumene mit dem Bild des Christus-Weinstocks die biblische Erzählung von der Kalebstraube in Num 13 und 14. Inspiriert hat mich hierzu eine Grafik der dänischen Künstlerin Sofie Bird Møller, die Stahlstiche einer Bibel aus dem Jahr 1855 so retuschiert hat, dass sich völlig neue Lesarten der Motivik ergeben.

Sofie Bird Møller, ohne Titel, aus der Serie ‚Ex Biblia‘, 2015/16. Courtesy Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst

Die nur angedeuteten Gliedmaßen und Köpfe der beiden Figuren verhelfen dem Bild zu einer Zeitlosigkeit, die es dem Betrachtenden ermöglicht, problemlos in die Rolle der Kundschafter hineinzuschlüpfen. In diesem Sinn verstehe ich Christinnen und Christen, die sich für die Ökumene engagieren, als Pioniere, die ein Land erkunden, das Gott den Kirchen versprochen hat: das Land des ganz nach dem Gleichnis des Weinstocks Eins-Seins in Christus. Wie Josua und Kaleb berichten die Vorboten der Ökumene immer wieder von den fantastischen Möglichkeiten dieses Landes „der größeren Kirche Jesu Christi“, ohne wirklich Gehör zu finden. Ihre Beweise entsprechen einfach zu wenig den überkommenen Wahrnehmungsschemen. Mehr noch! Den ursprünglichen Auftraggebern wird nicht selten bange, wenn sie von den Möglichkeiten dieses Landes hören. In der Regel ziehen sie mit Beharrlichkeit die Beheimatung in der eigenen Konfession einer mutigen Grenzüberschreitung vor. Der bewusste Unglaube gegenüber den Kundschaftern brachte dem Volk Israel 40 Jahre in der Wüste ein. Es fragt sich, worin 2017 die langfristigen Folgen für den Mangel an Beherztheit im ökumenischen Voranschreiten bestehen werden. Mit gleicher Berechtigung stellt sich im Gleichnis vom Weinstock die Frage, welche Rebzweige wegen nachgewiesener Unfruchtbarkeit aussortiert werden.

Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Dr. Ellen Ueberschär

Rudolf Bultmann sagt: Der wahre Weinstock ist der Lebensbaum. Ich denke an das Münster in Bad Doberan. Am Lettner über dem Kreuzaltar - neongrüne Blätter umranken das Kruzifix. Reben, aufbrechende Zweige, die Früchte versprechen. Näher an Christus geht es nicht. Ein Stamm, der nährt, der Quelle ist - ohne mich könnt ihr nichts tun:

weder die protestantische Reformation noch die katholischen Reformen feiern. Weit von der Quelle kann sich kein Zweig halten, wird auch kein Zweig gehalten. Christusfest heißt Lebensbaumfest. Die Charta Oecumenica sagt: besonders begründet werden muss alles, was wir nicht ökumenisch tun. Denn das ist fruchtlos. Fruchtbar sind die ökumenischen Wagnisse, sind die Momente gemeinsamen Glaubens, gemeinsamen Tuns, in Gemeinden und auf Kirchentagen. Wie beim 2. Ökumenischen Kirchentag mit seiner Artoklasiefeier - eingeladen durch orthodoxe Christen haben wir das süße Brot, das zu dieser Feier gehört, gemeinsam gekostet - so süß wie fruchtige Weintrauben, so nah am Stamm des Kreuzes, so verbunden in Christus. Christus ruft uns gemeinsam - Frucht tragen! Genug ist nie genug!

Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Die Vielfalt der Reben entdecken - Wofür bin ich dem ökumenischen Partner dankbar?

Ilse Junkermann

Der Weinstock ist die Kraft- und Lebensquelle für die Reben. Christus ist für uns Christen in den verschiedenen Konfessionen die eine gemeinsame Kraft- und Lebensquelle. Er schenkt uns gemeinsame Identität, auch wenn wir als Reben an diesem einen Weinstock in ver­schiedene Richtungen wachsen.

So bin ich besonders dankbar für alle gemeinsamen Gottesdienste, in denen wir uns Christi Dienst der Versöhnung und der Stärkung in der Nachfolge gefallen lassen: Tauferinnerungs­gottesdienste, den Pilgerweg der Versöhnung, Gottesdienste zu großen öffentlichen Festen.

Und ich bin gleichermaßen dankbar für alle Früchte des Glaubens. Insbesondere, wenn wir in einer sehr säkularen Umgebung gemeinsam unsere Stimme erheben zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen, sei es zu einem erstarkenden Rechtsextremismus bzw. ‑populismus, sei es zu schwierigen Fragen am Anfang und Ende des Lebens.

Ich freue mich, dass wir 2017 gemeinsam ein großes Christusfest feiern! Es wird unser Ver­wachsensein in Christus stärken.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Ich bin dem ökumenischen Partner vor allem dafür dankbar, dass er konsequent Jesus Christus in die Mitte seiner Theologie und Spiritualität stellt: Solus Christus – Christus allein. Ob etwas „Christum treibet“, war für Martin Luther der entscheidende Prüfstein für alles.

Nur aus der lebendigen Beziehung zu Christus heraus können gute Früchte hervorkommen: "Ich bin der Weinstock, ihr die Reben... Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen." (Joh 15,5) Auch das Zweite Vatikanische Konzil stellt Jesus Christus aller kirchlichen Wirklichkeit voraus in die Mitte. "Christus ist das Licht der Völker" - so beginnt die Kirchenkonstitution "Lumen Gentium". Dort, wo diese Christusliebe spürbar wird, wächst jene wunderbare Vielfalt der Reben heran, die uns alle in der Ökumene bereichert. Aus diesem Grundgedanken entfaltet sich wie selbstverständlich eine "Ökumene der Gaben", die daraus lebt, dass sie "in Christus" ist und bleibt. Sie nährt in uns die Sehnsucht, dass diese Einheit von Weinstock und Reben auch in der Welt sichtbar werde, "damit die Welt glaube."

Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Bischof des Bistums Speyer und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland

Viele Reben, ein Weinstock - Wieviel Einheit braucht die (weltweite) Ökumene?

Johan Tyrberg

Wie viel Einheit braucht die weltweite Ökumene? Wer hat Recht? Die anderen oder wir? Eine nicht ganz ungewöhnliche Frage dort, wo sich unterschiedliche kirchliche Richtungen treffen. Die Frau am Brunnen von Sychar ist auch in dieses Denken verstrickt, als sie fragt, ob es richtig ist, in Jerusalem anzubeten oder auf dem Berg in Samarien.

Jesus antwortet nicht auf die Frage, die sie stellt. Er sagt, dass eine Zeit kommt wird, wo weder das eine noch das andere gilt. Es geht stattdessen darum, im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Das heißt: Suche Gott.

Jesus ist der Weinstock und wir sind die Reben. Vielleicht können wir lernen, dass die Reben unterschiedlich sind, dass aber alle Reben mit gleicher Identität am selben Stamm hängen. Unsere Identität haben wir in Christus. Wer in seine Gemeinschaft getauft ist und im Glauben an ihn lebt, ist ein Teil dieses Weinstocks, auch wenn wir unterschiedlich wirken. Das ökumenische Treffen am 31. Oktober, an dem Papst Franziskus teilnehmen wird, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Reben unterschiedlich sind, der Weinstock aber einer ist.

Johan Tyrberg, lutherischer Bischof der Diözese Lund, Schweden

Dr. Michael Wüstenberg

"Cuius regio, eius religio" war kein Ruhmesblatt für die Religionsfreiheit. Machtorientierte Einheit grenzte andere aus. Die viele verunsichernde Vielfalt der modernen Welt braucht ein christliches Beispiel von Unterschiedlichkeit und friedlichem Miteinander.

Cyprian von Karthago sprach von Concordia statt von Einheit. Unterschiedliche Praxis war Ortskirchen möglich, wenn nur die in Christus-basierte Einmütigkeit gegeben war. Joseph Ratzinger sah im Buch „Das neue Volk Gottes“ Patriarchate als eine ökumenische Zukunftsperspektive, wo unterschiedliche Traditionen nebeneinader und miteinander leben. Roger Schutz von Taizé drängte, das Wertvolle in den anderen Traditionen zu schätzen.

Bei den Xhosa gehört jeder Gast zur Familie, solange man beisammen ist. Der Pastor einer der vielen Glaubensgemeinschaften hatte eine gute Ahnung: Nach der Einheit der Kirchen gefragt, sagte er erstaunt, wir sind doch eins – angesichts der Unterschiede.

Wir brauchen wohl viel Concordia.

Dr. Michael Wüstenberg, römisch-katholischer Bischof des Bistums, Aliwal, Südafrika

Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen – Was haben die Kirchen aus den konfessionellen Konflikten der Vergangenheit gelernt?

Prof. Dr. Thomas Söding

I
Gott sei Dank war Jesus kein Asket. Er hat Wein getrunken; er hat ihn als Geschenk Gottes genossen. Deshalb kommt der Wein, zusammen mit dem Brot, in den Abendmahlssaal.

II
Weil Jesus kein Asket war, können wir Feste des Glaubens feiern. Wir können einander sagen: gut, dass es Dich gibt. Was uns trennt - Gott wird es richten.

III
Ohne Reben gibt es keinen Wein, ohne Weinstock keine Reben. Ohne die Früchte des Weinstocks gibt es keine Feier, ohne Jesus keine Früchte. Aber Gott sei Dank gibt es Jesus, der seine Früchte hervorbringt; es gibt Gott, den Gärtner; und es gibt die Reben, die am Weinstock wachsen: uns, die Gläubigen.

IV
Verschiedene Reben - verschiedene Konfessionen? Wenn eine Rebe die andere abschneiden wollte - das wäre ein Sakrileg. Gott allein wird wegschneiden, was keine Frucht bringt. Damit es fruchtet.

V
Was die Kirchen gelernt haben? Sie gehören zu Christus. Alle. Auf verschiedene Weise. Und: Sie bringen Frucht. Alle. So dass der Wein gut schmeckt. In verschiedenen Sorten.

Prof. Dr. Thomas Söding, Lehrstuhl für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Friederike Nüssel

Im Bild vom Weinstock und den Reben geht es um das Bleiben in der Gemeinschaft mit Jesus. In der Reformationszeit betonte Martin Luther in seiner Auslegung dieses Bildes die ausschließliche Gründung in Jesus Christus. Nur wer in ihm bleibt, kann auch Frucht bringen.

Zugleich war ihm wichtig, dass die Reben nur durch Gottes Kraft in Christus bleiben und Frucht bringen. Von sich aus ist der Mensch nicht in der Lage zu guten Werken. Nur Gottes Verheißung in seinem Wort vermag den Menschen zur Gerechtigkeit zu führen. Gott verheißt und schenkt die Gerechtigkeit in seinem Wort, und im Glauben an das Wort wird der Mensch rein vor Gott (vgl. Joh 15,3), weil er Gott vertraut. In der 'Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre' von 1999 ist es gelungen, die Glaubensgerechtigkeit evangelisch-katholisch gemeinsam zu bezeugen. Davor lag ein langer ökumenischer Weg, der nur einen, aber doch einen wichtigen Teil der ökumenischen Bewegung darstellt. In der ökumenischen Bewegung sind heute sehr viele Kirchen weltweit verbunden und haben gesehen, wie wichtig die Überwindung von Unfrieden und Spaltung und das gemeinsame Streben nach Frieden und Gerechtigkeit sind.

Das Bild vom Weinstock und den Reben führt vor Augen, dass die Beziehung zu Christus als dem Weinstock existentiell ist für jede Rebe. Aber es macht auch deutlich: der Weinstock hat viele Reben, die Frucht bringen. Sie gehören am Weinstock zusammen, und keine Rebe ist ohne die anderen am Weinstock. Die eigene Beziehung zu Jesus wiegt nicht mehr als die der anderen Reben - und die Beziehung zu Jesus hat etwas zu tun mit der Beziehung auch zu den anderen Reben. Frucht bringen - das geht nicht gegen oder ohne die anderen, sondern nur im Miteinander. Welche Rebe Früchte trägt, das entscheiden nicht wir. Gott ist der Weingärtner (Joh 15,1). Aber so viel ist deutlich: Frucht bringen in der Jesusnachfolge - das geht nicht einzeln, sondern nur gemeinsam am Weinstock.

Prof. Dr. Friederike Nüssel, Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Ruperto Carola Universität Heidelberg

Wer in mir bleibt, der bringt reiche Frucht – Wie können wir heute gemeinsam Zeugnis geben?

Prof. Dr. Ulrike Kostka

Zeugnis geben heißt für mich, als Kirchen auch mal gemeinsam unbequem zu sein und Dinge beim Namen zu nennen. Es heißt aber auch, nicht nur einfach sozialpolitische Klagemauern aufzubauen. Wer nur behauptet, dass Armut in unserem Land ständig steigt, mutet sich nicht zu, differenziert auf die Zahlen und Fakten zu schauen.

Es bedeutet zudem, die eigene Position hinterfragen zu lassen. Auch ökumenisch kann man dann mal um Positionen ringen oder zu anderen Antworten bei Notlagen von Menschen kommen. Gemeinsam Zeugnis geben heißt nicht, immer gemeinsam Harmonie ausstrahlen zu müssen.

Engagement für Menschen am Rande heißt auch aus kirchlicher Sicht, Nostalgie zu überwinden und selbstkritisch das eigene Handeln zu hinterfragen. Wir erleben es immer wieder im Engagement für Benachteiligte, dass es gar nicht so einfach ist, loszulassen und die Menschen in die Selbstsorge zu entlassen. Zeugnis geben heißt, den anderen ernstzunehmen in seiner Situation und Position, selbst wenn mir sein Weg nicht gefällt. Zeugnis geben heißt auch, das Anderssein zuzulassen!

Prof. Dr. Ulrike Kostka, Diözesancaritasdirektorin des Erzbistums Berlin

Michael Bammessel

Zu den Früchten des Glaubens gehört die tatkräftige Nächstenliebe, die Hilfe für Arme und Schwache. Diese Überzeugung verbindet die Christenheit von Anfang an, unabhängig von konfessionellen Streitfragen. Der soziale Auftrag bildet auch heute ein starkes ökumenisches Band, von der Basis bis zur Spitze.

Ungezählte Christinnen und Christen engagieren sich z. B. ohne Konfessionsgrenzen in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit. Caritas und Diakonie folgen fast identischen Leitbildern, und zu sozialpolitischen Fragen äußern sich die Bischöfe der verschiedenen Kirchen meist in großer Einigkeit.

Allerdings stehen die Kirchen bei ihrem sozialen Engagement vor derselben spirituellen Herausforderung: Bleibt es rückgebunden an die eigentliche Kraftquelle, im biblischen Bild gesprochen: an den Weinstock Jesus Christus? Manche großen Werke von Diakonie und Caritas könnten zu Wohlfahrtskonzernen mutieren, die zwar professionell soziale Dienstleistungen anbieten, aber ihren "Saft" nicht mehr aus dem Wurzelstock christlicher Spiritualität beziehen. Doch damit die "Früchte" nicht im Lauf der Zeit vertrocknen, braucht die soziale Arbeit der Kirchen den engen Anschluss an ihren Weinstock.

Michael Bammessel, Direktor des Diakonischen Werkes Bayern

Zentraler Gottesdienst in Deutschland (VELKD/UEK und DBK)

Dr. Gerhard Feige und Dr. Karl-Hinrich Manzke

Am 4. November 2016 fand in der katholischen Kathedrale St. Sebastian in Magdeburg eine zentrale Feier des gemeinsamen Gottesdienstes in Deutschland statt. Geleitet wurde der ökumenische Gottesdienst von Bischof Dr. Gerhard Feige, Vorsitzender der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke, Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), und Landesbischöfin Ilse Jungermann, Stellvertretende Leitende Bischöfin der VELKD. Die Feier fand im Rahmen der Generalsynode der VELKD und der Vollversammlung der Union Evangelischer Kirche statt. Bischof Feige und Bischof Manzke predigten gemeinsam. Die Predigt finden Sie [hier].