Schrift und Tradition

Der katholisch-lutherische Dialog über Schrift und Tradition

206.

Als Konsequenz der biblischen Erneuerung, welche die Dogmatische Konstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils inspirierte, wurde ein neues ökumenisches Verständnis von der Rolle und Bedeutung der Heiligen Schrift möglich. So stellt das ökumenische Dokument Die Apostolizität der Kirche fest: »[...] die katholische Lehre [hält ] nicht das für wahr, was die reformatorische Theologie befürchtet und unter allen Umständen vermeiden will, nämlich eine Ableitung der kanonischen und verbindlichen Autorität der Schrift aus der Autorität der kirchlichen Hierarchie, die den Kanon bekannt macht.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
400 )

207.

Im Dialog haben Katholiken Überzeugungen betont, die sie zusammen mit der Reformation vertreten, wie die Wirksamkeit des vom Geist inspirierten biblischen Textes, »indem er die geoffenbarte Wahrheit vermittelt, die Geist und Herz formt, wie es 2 Tim 3,17 bestätigt und vom Zweiten Vatikanischen Konzil erklärt wird ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum (LThK2, Erg.bd. II, 497–583)
DV
21–25 )« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
409 ). Katholiken fügen hinzu, »dass diese Wirksamkeit durch die Zeit hindurch in der Kirche geschah, nicht nur bei einzelnen Gläubigen, sondern auch in der kirchlichen Tradition, sowohl in hochrangigen Lehräußerungen wie in der Glaubensregel, den Glaubensbekenntnissen und in konziliaren Lehren sowie in den Grundstrukturen des öffentlichen Gottesdienstes. [. . .] Die Schrift hat sich selbst in der Tradition gegenwärtig gemacht, die deshalb eine wesentliche hermeneutische Rolle zu spielen vermag. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt nicht, dass die Tradition neue Wahrheiten über die Schrift hinaus hervorruft, aber dass sie Gewissheit über die von der Schrift beglaubigte Wahrheit vermittelt.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
410 )

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Eine Frucht des ökumenischen Dialogs für die lutherische Theologie ist ihre Offenheit für die katholische Überzeugung, dass sich die Wirksamkeit der Schrift nicht nur in Einzelnen, sondern auch in der Kirche als Ganzer erweist. Die Rolle der lutherischen Bekenntnisse in den lutherischen Kirchen ist ein Beleg dafür.

Schrift und Tradition

209.

Heute werden darum Rolle und Bedeutung von Heiliger Schrift und Tradition in der Römisch-katholischen Kirche anders verstanden als von Luthers theologischen Gegnern. Im Blick auf die Frage nach der authentischen Auslegung der Heiligen Schrift haben Katholiken erklärt: »Wenn die katholische Lehre daran festhält, dass das ›Urteil der Kirche‹ eine Rolle bei der authentischen Auslegung der Schrift spielt, schreibt sie dem kirchlichen Lehramt kein Monopol in der Auslegung zu, das die Reformatoren zu Recht fürchten und ablehnen. Bereits vor der Reformation haben bedeutende Personen auf die Pluralität der Ausleger in der Kirche hingewiesen [...]. Dort, wo das Zweite Vatikanische Konzil davon spricht, dass der Kirche letztlich das Urteil zukommt ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum (LThK2, Erg.bd. II, 497–583)
DV
12 ), schließt es offensichtlich einen monopolistischen Anspruch des Lehramts, das einzige Auslegungsorgan zu sein, aus, was bestätigt wird sowohl durch die Jahrhunderte alte offizielle Förderung katholischer Bibelstudien als auch durch die Anerkennung der Rolle des Exegese beim Reifen des Urteils des lehramtlichen Lehrens ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum (LThK2, Erg.bd. II, 497–583)
DV
12 ).« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
407 )

210.

Daher sind Katholiken und Lutheraner in der Lage, gemeinsam den Schluss zu ziehen: »Deshalb befinden sich Lutheraner und Katholiken mit Blick auf Schrift und Tradition in einer so weitgehenden Übereinstimmung, dass ihre unterschiedlichen Akzentsetzungen nicht aus sich selbst heraus die gegenwärtige Trennung der Kirchen rechtfertigen. Auf diesem Gebiet gibt es eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
448 )76

Olav Fykse Tveit, Ökumenischer Rat der Kirchen
Wie viel Unterschied halten wir aus?

Alle Kirchen in der ökumenischen Bewegung sind sich einig, dass die Einheit, die wir suchen, nicht Uniformität bedeutet. Aber die Frage, wie weit die Verschiedenheit gehen kann, wird unterschiedlich beantwortet.

Wenn wir im Ökumenischen Rat der Kirchen uns auf einen Pilgerweg des Friedens und der Gerechtigkeit machen, dann schliesst das ein, dass wir weiter nach gemeinsamen Kriterien für eine legitime Vielfalt suchen. Die Basisformel des Ökumenischen Rates der Kirchen hat die gemeinsame Grundlage der Kirchen festgelegt. Um nun herauszufinden, wie weit innerhalb dieser Gemeinsamkeit Unterschiede bestehen können, sollten wir uns als Kriterium auf die Nachfolge Christi besinnen, der zum einen die Liebe in den Mittelpunkt gestellt und vorgelebt hat. Wir sollten deshalb das Urteil über die Lehren und das Leben anderer Gott selbst überlassen. Unterschiede sind auszuhalten, solange sie dem göttlichen Prinzip der Liebe und des Lebens der Menschen und der übrigen Schöpfung nicht widersprechen.

Dr. Olav Fykse Tveit ist Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen.

76 Diese Fragen sind auch vom Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen untersucht worden. Ihre Arbeit findet sich in W. Pannenberg/Th. Schneider (Hg.), Verbindliches Zeugnis I: Kanon – Schrift – Tradition, Freiburg/Göttingen 1992; dies. (Hg.), Verbindliches Zeugnis II: Schriftauslegung – Lehramt – Rezeption, Freiburg/Göttingen 1995; dies. (Hg.), Verbindliches Zeugnis III: Schriftverständnis und Schriftgebrauch, Freiburg/Göttingen 1998.