Lutherisch-katholischer Dialog über das Amt

176.

Der katholisch-lutherische Dialog hat zahlreiche Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede in der Theologie und der institutionellen Form der ordinationsgebundenen Ämter festgestellt, unter ihnen die Ordination von Frauen, die jetzt in vielen lutherischen Kirchen praktiziert wird. Eine der bleibenden Fragen ist, ob die katholische Kirche das Amt der lutherischen Kirchen anerkennen kann. Lutheraner und Katholiken können miteinander das Verhältnis zwischen der Verantwortung für die Verkündigung des Wortes und der Verwaltung der Sakramente und dem Amt derer, die dazu ordiniert sind, bestimmen. Miteinander können sie Unterscheidungen zwischen Aufgaben der episkopé und lokalen und stärker regionalen Aufgaben entwickeln.

Das gemeinsame Verständnis des Amtes

Priestertum der Getauften

177.

Es stellt sich die Frage, wie die besonderen Aufgaben des ordinationsgebundenen Amtes in das rechte Verhältnis zum allgemeinen Priestertum aller getauften Glaubenden gesetzt werden. Das Studiendokument Die Apostolizität der Kirche stellt fest: »Katholiken und Lutheraner stimmen darin überein, dass alle Getauften und an Christus Glaubenden am Amt Christi Anteil haben und also auch beauftragt sind, zu ›verkünden die Machttaten dessen, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat [1 Petr 2,9b]. Es gibt darum kein Glied, das nicht Anteil an der Sendung des ganzen Leibes hätte.‹ « ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
273, mit Zitat aus Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis (LThK2, Erg.bd. III, 127–239)
PO
2 )

Der göttliche Ursprung des Amtes

178.

Es ist gemeinsame Überzeugung im Verständnis des ordinationsgebundenen Amtes, dass es göttlichen Ursprungs ist: »Katholiken und Lutheraner sagen gemeinsam, dass das Amt von Gott gestiftet und für das Sein der Kirche notwendig ist, weil das Wort Gottes und seine öffentliche Verkündigung in Wort und Sakrament dafür erforderlich sind, dass Glaube an Jesus Christus zustande kommt und erhalten wird, dass – ineins damit – Kirche zustande kommt und erhalten wird, dass die Glaubenden in der Einheit des Glaubens Leib Christi sind.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
276 )

Karin Kortmann, Zentralkomitee der Deutschen Katholiken
Wozu braucht es die Kirche überhaupt?

Im vergangenen Jahr habe ich in Berlin das DDR-Museum besucht. Mitten zwischen Ausstellungsgegenständen und Fotos gab es eine Grafik, wie sich die Zahlen der Christen im Laufe der DDR-Zeit drastisch reduzierten. Aus Sicht der damaligen Machthaber eine Erfolgsbilanz. Sie haben es geschafft, einen Staat religionsfrei zu machen. Eine bedrückende Bilanz.

Auf dem Weg zurück zum Gendarmenmarkt bin ich an der Hedwigskathedrale vorbeigekommen und entschloss mich, für ein Gebet innezuhalten. Das große Gewölbe ist mir gut bekannt. Hier haben wir zu DDR-Zeiten gemeinsam mit unseren Schwestern und Brüdern aus Ost und West jährlich den Ökumenischen Jugendkreuzweg gebetet. Der Gottesdienstraum war erfüllt von leuchtenden Kerzen und der Gewissheit, dass weder Stacheldraht noch Mauer unseren Glauben begrenzen kann. An diesen Abenden fühlten wir uns frei und gesegnet. Wir dokumentierten öffentlich, dass wir uns unserem Schöpfer anvertrauen und behütet wissen. Die Einheit des Glaubens war stärker und prägender, als die Einheitspartei vermutete.

Nun leben wir in einer Demokratie. Und die gibt uns jeden Tag die Möglichkeit, die frohe Botschaft in Wort und Tat lebendig werden zu lassen. Wir geben Zeugnis und Zuversicht im Glauben.

Karin Kortmann ist Vize-Präsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken.

Das Amt von Wort und Sakrament

179.

Die Apostolizität der Kirche bezeichnet die Verkündigung des Evangeliums für Lutheraner wie für Katholiken als grundlegende Aufgabe der ordinierten Amtsträger: »Ordinierte Amtsträger haben eine besondere Aufgabe innerhalb der Sendung der ganzen Kirche« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
274 ). Für Katholiken wie für Lutheraner ist »die Grundaufgabe und Intention des ordinationsgebundenen Amtes der öffentliche Dienst am Wort Gottes, dem Evangelium von Jesus Christus, das aller Welt zu verkündigen die Kirche vom dreieinigen Gott beauftragt ist. Daran muss sich jedes Amt und jeder Amtsträger messen lassen.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
274 )

180.

Diese Betonung der Verkündigung des Evangeliums als Aufgabe des Amtes ist Katholiken und Lutheranern gemeinsam (vgl. Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
247; 255; 257; 274). Katholiken sehen den Ursprung des priesterlichen Dienstes in der Verkündigung des Evangeliums. Das Dekret über Dienst und Leben der Priester (Presbyterorum ordinis) erklärt: »Das Volk Gottes wird an erster Stelle geeint durch das Wort des lebendigen Gottes, das man mit Recht vom Priester verlangt. Da niemand ohne Glaube gerettet werden kann, ist die erste Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe, allen die frohe Botschaft zu verkünden« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis (LThK2, Erg.bd. III, 127–239)
PO
4, zitiert in Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
247 ). »Auch Katholiken erklären, dass es die besondere Aufgabe der Amtsträger ist, das Volk Gottes durch das Wort Gottes zusammenzuführen und dieses allen zu verkündigen, damit sie glauben.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
274 ) In ähnlicher Weise besagt das lutherische Verständnis, dass »das Amt seinen Grund und sein Maß in der Aufgabe hat, der ganzen Gemeinde das Evangelium verbindlich so zuzusprechen, dass gewisser Glaube möglich und geweckt wird« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
255 ).

181.

Lutheraner und Katholiken stimmen auch darin überein, dass die Verantwortung für die Verwaltung der Sakramente bei ordinierten Leitern liegt. »Das Evangelium teilt nämlich denen, die den Kirchen vorstehen, das Mandat, das Evangelium zu lehren, die Sünden zu vergeben und die Sakramente zu verwalten, . . . zu.«63 Auch die Katholiken erklären, dass Priester den Auftrag haben, die Sakramente zu verwalten, die sie als auf die Eucharistie hingeordnet betrachten, die »Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation« ist ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis (LThK2, Erg.bd. III, 127–239)
PO
5, zitiert in Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
274 ).

182.

In Die Apostolizität der Kirche heißt es weiter: »Die Ähnlichkeit der Beschreibung der Amtsfunktionen der Presbyter und der Bischöfe [sc. im Zweiten Vatikanischen Konzil] ist beachtenswert. Bischofsamt und Priesteramt weisen die gleiche Struktur des dreifachen Dienstes (Verkündigung, Liturgie, Leitung) auf, und im konkreten kirchlichen Leben sind gerade die Presbyter Träger der alltäglichen Erfüllung der Aufgaben, durch die die Kirche auferbaut wird, während den Bischöfen die Aufsicht über die Lehre zukommt und sie für die Gemeinschaft unter den Ortsgemeinden zu sorgen haben. Nur üben die Presbyter ihr Amt in untergeordneter Stellung gegenüber den Bischöfen und in Gemeinschaft mit ihnen aus.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
248 )

Ordinationsritus

183.

Hinsichtlich der Einführung in das besondere Amt gibt es folgende Gemeinsamkeit: »Die Einführung in dieses Amt geschieht in der Ordination, in der ein Christ unter Gebet und Handauflegung in den Dienst der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament berufen und gesandt wird. Jenes Gebet ist die erhörungsgewisse Bitte um den Heiligen Geist und seine Gaben.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
277 )

Amt auf lokaler und regionaler Ebene

184.

Lutheraner und Katholiken können miteinander sagen, dass sich die Ausdifferenzierung des Amtes »in einen mehr lokalen und einen mehr regionalen Dienst [...] mit Notwendigkeit aus dem Sinn und der Aufgabe des Amtes als eines Amtes der Einheit im Glauben« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
279 ) ergibt. In den lutherischen Kirchen wird die Aufgabe der episkopé in verschiedenen Formen wahrgenommen. Jene Personen, die einen überörtlichen Dienst versehen, werden an manchen Orten nicht mit dem Titel »Bischof« bezeichnet, sondern als »Ephorus«, »Kirchenpräsident«, »Superintendent« oder »Diözesanpfarrer«. Lutheraner vertreten die Auffassung, dass das Amt der episkopé nicht nur durch Einzelne ausgeübt wird, sondern auch in anderen Formen wie Synoden, zu denen ordinierte wie nichtordinierte Mitglieder gehören.64

Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Wie viel Unterschiedlichkeit verträgt die Kirche?

Miteinander sind wir als christliche Kirchen auf dem Weg, die bestehende Trennung zu überwinden. Wir folgen damit dem Auftrag Christi, der um die Einheit der Seinen gebetet hat (Joh 17,21). Für die katholische Kirche besteht das Ziel in einer sichtbaren Einheit. Das meint aber weder eine uniforme Einheitlichkeit noch können im Sinne einer Beliebigkeit alle Unterschiede nebeneinander bestehen bleiben. Diese Spannung zwischen Vielfalt und Einheit gilt es miteinander auszuloten, denn Vielfalt ist auch eine Chance. Erfahrungsgemäß geht es auf dem Weg nicht immer geradeaus: die eine oder andere Kurve und so mancher Stolperstein verzögern das Fortkommen. Entscheidend ist, dass wir in Liebe und Geduld einander verbunden bleiben und das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wir sind auf dem Weg der Ökumene schon ein gutes Stück vorangekommen. Die Fortschritte, die wir erzielt haben, machen mir Hoffnung, dass es uns gelingt, das Gedenkjahr 2017 gemeinsam als ein Christusfest zu begehen. Wenn wir Jesus Christus und seine Botschaft in die Mitte stellen, dann kommen wir nicht nur ihm, sondern auch einander näher.

Reinhard Kardinal Marx ist Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Apostolizität

185.

Auch wenn Katholiken und Lutheraner die Amtsstrukturen, die die Apostolizität der Kirche weitergeben, unterschiedlich verstehen, stimmen sie darin überein, dass die »Treue zum apostolischen Evangelium [...] das Prae in dem Zusammenspiel von traditio, successio und communio« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
291 ) hat. Übereinstimmung besteht unter ihnen darin, »dass die Kirche apostolisch ist aufgrund ihrer Treue zum apostolischen Evangelium« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
292 ). Diese Übereinstimmung ermöglicht es der römisch-katholischen Seite anzuerkennen, dass Personen, die »eine besondere Verantwortung für die Apostolizität der Lehre ihrer Kirchen« haben, die also »jene Aufgaben der episkope wahrnehmen, die in der römisch-katholischen Kirche die Bischöfe versehen«, nicht »aus dem Kreis derer [...], deren Übereinstimmung nach katholischer Auffassung Zeichen für die Apostolizität der Lehre ist« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
291 ), ausgeschlossen werden können.

Rainer Maria Woelki, Erzbischof
Ist die Kirche rückwärtsgewandt?

Papst Johannes XXIII. sagte einmal: "Tradition heißt: Das Feuer hüten und nicht die Asche aufbewahren.“ Das Wichtigste an der Kirche sind nicht Strukturen, sondern das „Ereignis Jesus Christus“, also der lebendig-spürbare Christus mitten unter uns. Traditionen müssen immer wieder überprüft werden, ob sie helfen, Christus berührbar werden zu lassen.

Gott hat uns seinen Sohn Jesus Christus geschenkt. Er wurde Mensch für uns. Seine Worte sind Geist und Leben und wollen jeden Tag gelebt werden. Spezialisten dafür waren die Apostel, die viele Jahre mit Jesus unterwegs waren, seine Worte und Taten erlebt und an spätere Generationen überliefert haben.

Wenn das Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ von Apostolizität spricht, dann ist genau das Hüten des Feuers gemeint, das Bemühen um einen möglichst authentischen Zugang zum Zeugnis der Apostel und die Umsetzung ins Heute. Das bedeutet sowohl Kontinuität als auch Veränderung. Die Apostel bezeugten, dass der gekreuzigte Jesus lebt und dass er unserem Leben Sinn gibt auf ewig. Christen, die sich wie Jesus für ihre Mitmenschen einsetzen, besonders für Notleidende, sind Kirche, die voran geht, nicht rückwärts. 

Rainer Maria Kardinal Woelki war Erzbischof von Berlin und wird am 20. September 2014 in sein Amt als Erzbischof von Köln eingeführt. Foto: Erzbistum Berlin

Dienst an der Universalkirche

186.

Lutheraner und Katholiken stimmen darin überein, dass das Amt der ganzen Kirche dient. Lutheraner setzen voraus, »dass die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde in einem wesentlichen Bezug zur universalen Kirche steht« und dass diese Beziehung der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde innerlich und nichts »nachträglich Hinzukommendes« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
285 ) ist. Auch wenn die römisch-katholischen Bischöfe »ihr Hirtenamt über den ihnen anvertrauten Anteil des Gottesvolkes [ausüben], nicht über andere Kirchen und nicht über die Gesamtkirche«, ist doch jeder Bischof »zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
23 ). Der Bischof von Rom ist kraft seines Amtes »Hirt der ganzen Kirche« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
22 ).

Unterschiede im Verständnis des Amtes

Das Bischofsamt

187.

Es bleiben beachtliche Unterschiede im Verständnis des Amtes in der Kirche. In Die Apostolizität der Kirche wird wahrgenommen, dass für Katholiken der Episkopat die volle Form des ordinationsgebundenen Amtes und darum der Ausgangspunkt für die theologische Interpretation des kirchlichen Amtes ist. Das Dokument zitiert Lumen gentium 21: »Die Heilige Synode lehrt [. . .], dass durch die Bischofsweihe die Fülle des Weihesakraments übertragen wird [...]. Die Bischofsweihe überträgt mit dem Amt der Heiligung auch die Ämter der Lehre und der Leitung, die jedoch ihrer Natur nach nur in der hierarchischen Gemeinschaft mit Haupt und Gliedern des Kollegiums ausgeübt werden können« (zitiert in Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
243).

188.

Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigte das Verständnis, »dass die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten sind. Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat.« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
20 ) Gleichwohl ist es katholische Lehre, »dass der einzelne Bischof nicht schon dadurch in der apostolischen Sukzession steht, dass eine historisch verifizierbare lückenlose Kette von Handauflegungen über seine Vorgänger auf einen der Apostel zurückführt, es gehört vielmehr wesentlich dazu, dass er in der communio mit dem gesamten ordo episcoporum steht, der sich seinerseits als Ganzes in der Nachfolge des Apostelkollegiums und seiner Sendung befindet« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
291 ).

189.

Diese Sicht auf das Amt, die beim Episkopat ansetzt, stellt eine Veränderung gegenüber dem Fokus des Konzils von Trient auf das Priesteramt dar und unterstreicht die Bedeutung des Themas der apostolischen Sukzession. Lumen gentium betont den amtstheologischen Aspekt dieser Sukzession, ohne die Bedeutung der lehrmäßigen, missionarischen und existentiellen Dimensionen der apostolischen Sukzession zu leugnen ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
240 ). Aus diesem Grund verstehen Katholiken unter Ortskirche die Diözese, wobei sie als die wesentlichen Elemente der Kirche Wort, Sakrament und apostolisches Amt in der Person des Bischofs ansehen ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
284 ).

Priestertum

190.

Katholiken unterscheiden sich von Lutheranern in ihrem Verständnis der sakramentalen Identität des Priesters und der Beziehung des sakramentalen Priestertums zum Priestertum Christi. Sie betonen, dass »die Priester von Gott durch den Dienst des Bischofs geweiht [werden], um in besonderer Teilhabe am Priestertum Christi die heiligen Geheimnisse als Diener dessen zu feiern, der sein priesterliches Amt durch seinen Geist allezeit für uns in der Liturgie ausübt« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis (LThK2, Erg.bd. III, 127–239)
PO
5 ).

Die Fülle des sakramentalen Zeichens

191.

Für Katholiken mangelt es den lutherischen Ordinationen an der Fülle des sakramentalen Zeichens. »Nach katholischer Lehre gehören mit dem dreifach gegliederten Amt auch Praxis und Lehre der apostolischen Sukzession im Bischofsamt zur Vollgestalt von Kirche. Diese Sukzession vollzieht sich korporativ. Mit ihrer Weihe werden die Bischöfe in das Kollegium der Bischöfe der katholischen Kirche aufgenommen. Als solche haben sie die Vollmacht zu ordinieren. Deshalb ist nach katholischer Lehre in den lutherischen Kirchen das sakramentale Zeichen der Ordination nicht in Fülle gegeben, weil dort die Ordinierenden nicht in Gemeinschaft mit dem Bischofskollegium der katholischen Kirche handeln. Deshalb spricht das Zweite Vatikanische Konzil von einem defectus sacramenti ordinis ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio (LThK2, Erg.bd. II, 9–126)
UR
22,3 ) in diesen Kirchen.« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
283 )65

Weltweites Amt

192.

Schließlich unterscheiden sich Katholiken und Lutheraner in den Ämtern und der Autorität des Dienstes und der Leitung auf überregionaler Ebene. Für Katholiken hat der Bischof von Rom »volle, höchste und universale Gewalt über die Kirche« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
22 ). Auch das Kollegium der Bischöfe übt die höchste und volle Gewalt über die Universalkirche aus »gemeinsam mit ihrem Haupt, dem Bischof von Rom, und niemals ohne dieses Haupt« ( Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium (LThK2, Erg.bd. I, 137–347.348–359)
LG
22 ). Die Apostolizität der Kirche spricht von verschiedenen Ansichten unter Lutheranern hinsichtlich der »Kompetenzen von kirchenleitenden Gremien oberhalb der Ebene der Einzelkirchen und [der] Verbindlichkeit ihrer Entscheidungen« ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
287 ).

Reflexion

193.

Im Dialog ist oft festgestellt worden, dass das Verhältnis von Bischöfen und Priestern am Beginn des 16. Jahrhunderts nicht so verstanden worden ist wie später durch das Zweite Vatikanische Konzil. Die Ordination durch Pfarrer in der Zeit der Reformation sollte darum mit Bezug auf die Bedingungen jener Zeit betrachtet werden. Es verdient auch Beachtung, dass die Aufgaben von katholischen und lutherischen Amtsinhabern einander weitgehend entsprechen.

194.

Im Lauf der Geschichte war das lutherische Amt in der Lage, seine Aufgabe zu erfüllen, die Kirche in der Wahrheit zu halten, so dass es beinahe fünfhundert Jahre nach dem Beginn der Reformation möglich war, einen katholisch-lutherischen Konsens in den Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre zu erklären. Wenn nach dem Urteil des Zweiten Vatikanischen Konzils der Heilige Geist die »kirchlichen Gemeinschaften« als Mittel des Heils gebraucht, kann man annehmen, dass dieses Werk des Heiligen Geistes Implikationen für die wechselseitige Anerkennung der Ämter hat. So zeigen sich in der Frage des Amtes sowohl beträchtliche Hindernisse für ein gemeinsames Verständnis wie auch hoffnungsvolle Perspektiven für eine Annäherung.66

Kurt Kardinal Koch, Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen
Wann erkennt die Katholische Kirche die evangelische Kirche als Kirche an?

Fünfzig Jahre des ökumenischen Dialogs, auf die Lutheraner und Katholiken dankbar zurückblicken, zeigen, dass evangelische und katholische Christen mehr verbindet als sie trennt. Die Katholische Kirche erkennt deshalb die Evangelische Kirche so an, wie sie sich selbst versteht. Sie versteht sich freilich anders als die Katholische Kirche. Sie will „auf andere Weise“ Kirche sein, wie dies Papst Benedikt XVI. interpretiert hat.

Diese „andere Weise“ muss im ökumenischen Dialog über das Kirchesein weiter besprochen werden, indem gefragt wird: Warum ist die Selbstbezeichnung als Kirche für evangelische Christen heute so wichtig, nachdem sie diese in der Geschichte lange für sich abgelehnt haben? Wie versteht sich die Evangelische Kirche heute selbst? Sind nur die Landeskirchen Kirche oder auch die Freikirchen und evangelischen Gemeinschaften? Da man kennen muss, was man anerkennen will, setzt die Anerkennung der Evangelischen Kirche als Kirche diese weitere Klärung des Kirchenverständnisses voraus.

Der Kurienkardinal Dr. habil. Kurt Koch ist Präsident des Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Bild: LWB/S. Gallay

63 Melanchthon, De potestate et primatu papae tractatus ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
489,32–35; zitiert in Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
ApK
274 ).

64 Im Jahr 2007 hat sich der Rat des Lutherischen Weltbunds das Dokument »Das bischöfliche Amt im Rahmen der Apostolizität der Kirche. Erklärung von Lund. Lutherischer Weltbund – eine Kirchengemeinschaft« zu eigen gemacht. Auch wenn er kein Lehrdokument zu sein beabsichtigt, sucht dieser Text eine Reihe von Fragen, die die episkopé betreffen, für die lutherische Gemeinschaft zu klären. Dabei gilt die Aufmerksamkeit sowohl der lutherischen Tradition wie den Früchten der ökumenischen Dialoge. Vgl. www.lutheranworld.org/Ratstagung/2007/20070327-Rat.html.

65 Vgl. R. Lee/J. Gros, FSC (Hg.), The Church as Koinonia of Salvation. Its Structures and Ministries, Washington, D.C., 2005, 49 f. (§§ 107–109).

66 Diese Fragen sind auch vom Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen untersucht worden. Ihre Arbeit findet sich in Th. Schneider/G. Wenz (Hg.), Das kirchliche Amt in apostolischer Nachfolge I: Grundlagen und Grundfragen, Freiburg/Göttingen 2004; D. Sattler/G. Wenz (Hg.), Das kirchliche Amt in apostolischer Nachfolge II: Ursprünge und Wandlungen, Freiburg/Göttingen 2006; D. Sattler/G. Wenz (Hg.), Das kirchliche Amt in apostolischer Nachfolge III: Verständigungen und Differenzen, Freiburg/Göttingen 2008.