Amt

Luthers Verständnis des allgemeinen Priestertums der Getauften und des ordinationsgebundenen Amtes

162.

Im Neuen Testament bezeichnet das Wort iereus (Priester; lateinisch: sacerdos) kein Amt in der christlichen Gemeinde, auch wenn Paulus seinen apostolischen Dienst als den eines Priesters beschreibt (Röm 15,16). Christus ist der Hohepriester. Luther versteht das Verhältnis des Glaubenden zu Christus als »fröhlichen Wechsel«, in dem der Glaubende an den Eigenschaften Christi und also auch an seinem Priestertum teilhat. »Wie nun aber Christus durch seine Erstgeburt diese beiden Würden [Priestertum und Königtum] erlangt hat, so teilt er diese mit und kommuniziert sie jedem an ihn Glaubenden nach dem vorher erwähnten Eherecht, nach dem der Braut alles gehört, was Eigentum des Bräutigams ist. Daher sind in Christus alle, die an Christus glauben, Priester und Könige, wie 1 Petr. 2[,9] lautet: ›Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das Volk des Eigentums, die königliche Priesterschaft und das priesterliche Königreich‹.«51 »Demnach werden wir alle durch die Taufe zu Priestern geweiht.«52

163.

Auch wenn in Luthers Verständnis alle Christen Priester sind, betrachtet er nicht alle als Pfarrer. »Es ist wahr, dass alle Christen Priester sind, aber nicht alle sind Pfarrer. Denn über das hinaus, dass er Christ und Priester ist, muss er auch ein Amt und eine ihm anbefohlene Kirchengemeinde haben. Berufung und Auftrag machen Pfarrer und Prediger.«53

Heiner Koch, Bischof
Wieviel Mitbestimmung der Gläubigen braucht die Kirche?

Seit 1,5 Jahren erlebe ich das Bistum Dresden-Meißen mit einer hohen Solidarität seiner Katholiken, aber auch mit sehr differenzierten, oft unterschiedlichen Standpunkten seiner Mitglieder. Es ist gut, wenn bei aller notwendigen Unterscheidung der Geister diese Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrgenommen wird.

Für mich als Bischof ist diese Situation eine Gnade, aber auch eine Herausforderung: Menschen und Gemeinschaften in ihrer Unterschiedlichkeit in einer von Liebe, Achtung und Respekt getragenen Einheit zusammenzuhalten und dabei besonders auf jene zu achten, die sich nicht laut und wortgewandt ausdrücken können.

Zugleich aber trete ich gemäß dem katholischen Verständnis des Bischofs den Menschen und Gemeinschaften meines Bistums auch gegenüber. Dieses Gegenüber Christi repräsentiert und verwirklicht der Bischof auf Grund seiner sakramentalen Weihe in seinem Hirten- und Leitungsamt. Als Bischof trägt er die Verantwortung, dass seine örtliche Kirche in der Wahrheit des Glaubens bleibt. Als Mitglied des Bischofskollegiums in der Nachfolge des Apostelkollegiums trägt er zudem dafür die Verantwortung, dass sein Bistum in der Gemeinschaft mit den anderen Bistümern der Weltkirche steht. Dieses Gegenüber des Bischofs ist zugleich stets ein Miteinan-der mit allen Gläubigen, die als Getaufte und Gefirmte auf ihre Weise Verantwortung für die Kirche, für das Glaubenszeugnis und für die Gesellschaft wahrnehmen. Es ist also ein dritter Weg, der Gegenüber und Miteinander verbindet und die damit gege-bene Spannung zu einem kreativen Weg des gemeinschaftlichen Lernens werden lässt. Aus Spannung eben erwächst neues Leben

Dr. Heiner Koch ist Diözesanbischof des Bistums Dresden-Meissen. Bild: Martin Rulsch, Wikimedia Commons - Own work

164.

Luthers theologische Vorstellung vom Christen als Priester widersprach der Ordnung der Gesellschaft, die sich im Mittelalter weit verbreitet hatte. Nach Gratian gab es zwei Arten von Christen, Kleriker und Ordensleute auf der einen und Laien auf der anderen Seite.54 Mit seiner Lehre vom allgemeinen Priestertum wollte Luther dieser Unterscheidung die Grundlage wegnehmen. Was ein Christ als Priester ist, ergibt sich aus der Teilhabe am Priestertum Christi: Er oder sie bringt die Anliegen der Menschen im Gebet vor Gott und die Anliegen Gottes zu den Menschen durch die Weitergabe des Evangeliums.

165.

Luther verstand das ordinationsgebundene Amt als öffentlichen Dienst für die ganze Kirche. Pfarrer sind ministri (Diener). Dieses Amt steht nicht in Konkurrenz zum allgemeinen Priestertum aller Getauften; es dient ihm vielmehr, damit alle Christenmenschen einander Priester sein können.

Die göttliche Einsetzung des Amtes

166.

Seit mehr als 150 Jahren wird in der lutherischen Theologie eine Debatte darüber geführt, ob das ordinationsgebundene Amt auf einer göttlichen Einsetzung beruht oder auf menschlicher Delegation. Luther freilich spricht vom »Pfarrstand, den Gott eingesetzt hat, der eine Gemeinde mit Predigen und Sakramenten regieren muss«55. Luther sieht dieses Amt gegründet in den Leiden Christi und in dessen Tod: »Ich hoffe ja, dass die Gläubigen und was Christ heißen will, sehr gut wissen, dass der geistliche Stand von Gott eingesetzt und gestiftet ist – nicht mit Gold oder Silber, sondern mit dem teuren Blut und bittern Tod seines einzigen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Denn aus seinen Wunden fließen wahrlich [. . .] die Sakramente. Und er hat es wahrlich teuer erkauft, dass man in der ganzen Welt dieses Amt hat, zu predigen, zu taufen, zu lösen, zu binden, Sakramente zu reichen, zu trösten, zu warnen, zu ermahnen mit Gottes Wort und was sonst zum Amt der Seelsorge gehört[ . . .] Ich meine aber nicht den jetzigen geistlichen Stand in Klöstern und Stiften [. . .] Sondern den Stand meine ich, der das Predigtamt und den Dienst des Wortes und der Sakramente hat, das den Geist gibt und alle Seligkeit [. . .].«56 Es ist somit für Luther klar, dass Gott das Amt eingesetzt hat.

167.

Niemand kann nach Luthers Überzeugung sich selbst in das Amt bringen; man muss in es berufen werden. 1535 begann man, Ordinationen in Wittenberg durchzuführen. Sie fanden nach einer Prüfung von Lehre und Leben des Kandidaten und unter der Voraussetzung eines Rufes in eine Gemeinde statt. Aber die Ordinationen wurden nicht in der Gemeinde, die die Berufung aussprach, vorgenommen, sondern zentral in Wittenberg, weil Ordination als Ordination in den Dienst der ganzen Kirche verstanden wurde.

168.

Die Ordinationen wurden mit Gebet und Handauflegung vollzogen. Wie das einführende Gebet, dass Gott Arbeiter in seiner Ernte sende (Mt 9,38), und das Gebet um den Heiligen Geist klarmachten, ist es in Wahrheit Gott, der in der Ordination der Handelnde ist. In der Ordination umfasst der Ruf Gottes die ganze Person. Im Vertrauen darauf, dass das Gebet von Gott erhört werden würde, vollzog sich die Aufforderung hinauszugehen mit den Worten von 1 Petr 5,2–4.57 In einem der Ordinationszeugnisse heißt es: »Das Amt in der Kirche ist für alle Kirchen eine sehr große und notwendige Sache und von Gott allein gegeben und aufrechterhalten.«58

169.

Weil Luthers Definition eines Sakraments enger war als die im Mittelalter übliche und weil nach seiner Auffassung das Weihesakrament vor allem der Praxis des Messopfers diente, verstand er Ordination nicht mehr als Sakrament. Melanchthon stellte jedoch in der Apologie zum Augsburger Bekenntnis fest: »Aber wenn die Ordination vom Amt des Wortes her verstanden wird, würden wir die Ordination nicht ungern Sakrament nennen. Denn das Amt des Wortes hat das Mandat Gottes und es hat großartige Verheißungen, Röm 1[,16]: Das Evangelium ›ist die Macht Gottes zum Heil jedem Glaubenden‹. Ebenso Jes 55[,11]: ›Mein Wort, das aus meinem Mund ausgeht, soll nicht leer zu mir zurückkommen, sondern tun, was ich will‹ usw. Wenn die Ordination auf diese Weise verstanden wird, werden wir uns nicht weigern, die Handauflegung Sakrament zu nennen. Die Kirche hat nämlich das Mandat, Diener einzusetzen, was uns höchst willkommen sein muss, denn wir wissen, dass Gott jenes Amt gutheißt und in ihm anwesend ist.«59

Bischofsamt

170.

Weil die Bischöfe sich weigerten, Kandidaten, die mit der Reformation sympathisierten, zu ordinieren, vollzogen die Reformatoren die Ordination durch Presbyter (Pfarrer). In Artikel 28 beklagt sich das Augsburger Bekenntnis über die Weigerung der Bischöfe, solche Kandidate zu ordinieren. Das zwang die Reformatoren, zwischen Beibehaltung der Ordination durch Bischöfe und Treue zur Wahrheit des Evangeliums, wie sie sie verstanden, zu wählen.

171.

Die Reformatoren sahen sich befugt, die Ordination durch Presbyter (Pfarrer) zu vollziehen, weil sie von den Sentenzen des Petrus Lombardus gelernt hatten, dass das Kirchenrecht nur zwei sakramentale Weihegrade unter den höheren Graden kannte, den Diakonat und den Presbyterat, und dass nach einer im Mittelalter weit verbreiteten Auffassung die Bischofsweihe keinen eigenen sakramentalen Charakter verlieh.60 Die Reformatoren bezogen sich ausdrücklich auf einen Brief des Hieronymus, der überzeugt war, dass nach dem Neuen Testament die Ämter des Presbyters und des Bischofs die gleichen waren mit der einen Ausnahme, dass die Bischöfe das Recht zur Ordination hatten. Wie die Reformatoren feststellten, war dieser Brief an Evangelus in das Decretum Gratiani aufgenommen worden.61

172.

Luther und die Reformatoren betonten, dass es nur ein ordinationsgebundenes Amt gibt, das Amt der öffentlichen Evangeliumsverkündigung und der Verwaltung der Sakramente, die ihrem Wesen nach öffentliche Ereignisse sind. Trotzdem gab es von Beginn an eine Unterscheidung im Amt. Seit den ersten Visitationen entwickelte sich das Amt eines Superintendenten, der die besondere Aufgabe der Aufsicht über die Pastoren hatte. Philipp Melanchthon schrieb: »Denn in der Kirche sind Regenten nötig, die diejenigen, die zum kirchlichen Amt berufen sind, prüfen und ordinieren, kirchliche Gerichtsbarkeit ausüben und Aufsicht haben über die Lehre der Priester. Und wenn es keine Bischöfe gäbe, müsste man sie dennoch erfinden.«62

51 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
7; 56,35–57,1 (Tractatus de libertate christiana; 1520).

52 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
6; 407,22 f. (An den christlichen Adel deutscher Nation; 1520; leicht modernisiert).

53 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
31/I; 211,17–20 (Psalmenauslegungen 1529/32; 82. Psalm).

54 Decretum Gratiani 2.12.1.7 (E. Friedberg [Hg.], Corpus Iuris Canonici, Bd. I, Graz
1955, 678).

55 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
6; 441,24 f. (An den christlichen Adel deutscher Nation; 1520).

56 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
30/II; 526,34; 527,14–21; 528,18 f.25–27 (Eine Predigt, dass man Kinder zur Schulen halten solle; 1530)

57 Vgl. die Wittenberger Ordinationszeugnisse in D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe) Briefwechsel, Weimar 1930–1985
WABr
12; 447–485.

58 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
38; 423,21–25 (Wittenberger Ordinationsformular; 1538).

59 Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
293,42–294,8 (Apologie XIII).

60 Petrus Lombardus, Sent. IV, dist. 24, cap. 12.

61 Philipp Melanchthon zitierte den Brief des Hieronymus in De potestate et primatu papae tractatus ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
489,43–490,45 ). Vgl. auch D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
2; 230,17–19. Hieronymus, Brief 146 an Evangelus, in: J.-P. Migne (Hg.), Patrologia Latina XXII, Paris 1845, 1192–1195. Decretum Gratiani, 1.93.24 f. (E. Friedberg [Hg.], Corpus Iuris Canonici, Bd. I, Graz 1955, 327–330).

62 Melanchthon, Consilium de moderandis controversiis religionis (Corpus Reformatorum II [hg. v. K. G. Bretschneider, Halle 1835], 745 f.; 1535).