Eucharistie

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Für Lutheraner wie für Katholiken ist das Herrenmahl ein kostbares Geschenk, in dem Christen Nahrung und Trost für sich finden und indem die Kirche immer neu versammelt und auferbaut wird. Darum sind die Kontroversen um dieses Sakrament so schmerzvoll

Matthias Ring, alt-katholischer Bischof
Wie wichtig ist die Eucharistie im Leben der Kirche?

Wenn zwei getrennt von Tisch und Bett sind, dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Es ist doch erstaunlich, dass wir uns bei dieser Redensart nicht auf das Bett beschränken, um den Bruch menschlicher Beziehungen zu beschreiben. Das sagt schon viel darüber, wie elementar Tischgemeinschaft ist. Miteinander essen und trinken bedeutet eben mehr als nur gemeinsame Nahrungsaufnahme.

Nun teilen wir als Christinnen und Christen nicht das Bett miteinander, sondern den Tisch des Herrn. Wir teilen damit eben nicht nur Zeit, singen und beten nicht nur gemeinsam, sondern essen und trinken auch miteinander. Auch ohne große theologische Reflexionen vermittelt das eucharistische Mahl die Erfahrung: Wir gehören zusammen und sind miteinander Kirche – weil wir dieses Mahl teilen und solange wir dies tun können. Die Eucharistiefeier begründet Kirche, verstanden als Gemeinschaft, und hält sie am Leben.

Dr. Matthias Ring ist Bischof des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland.

Luthers Verständnis des Herrenmahls

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Luther verstand das Sakrament des Herrenmahls als testamentum, als Verheißung eines Menschen, der dabei ist zu sterben, wie sich das von der lateinischen Form der Einsetzungsworte her ergibt. Zuerst verstand Luther die Verheißung Christi (testamentum) als Zusage der Gnade und Vergebung der Sünden. Die Debatte mit Huldrych Zwingli veranlasste ihn, noch stärker seinen Glauben zu betonen, dass Christus sich selbst gibt, nämlich seinen Leib und sein Blut, die wirklich gegenwärtig sind. Der Glaube macht Christus nicht gegenwärtig; es ist Christus, der sich selbst, seinen Leib und sein Blut, den Kommunikanten gibt, ob sie das glauben oder nicht. Daher beruhte Luthers Widerspruch gegen die kirchliche Lehre seiner Zeit nicht darauf, dass er die Realpräsenz Jesu Christi geleugnet hätte. Sein Einwand betraf vielmehr die Frage, wie der »Wandel« im Herrenmahl zu verstehen sei.

Realpräsenz Christi

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Das Vierte Laterankonzil (1215) gebrauchte dafür das Verb transsubstantiare, das eine Unterscheidung von Substanz und Akzidenzien impliziert.43 Auch wenn Luther darin eine mögliche Erklärung für das Geschehen des Herrenmahls sah, konnte er nicht erkennen, dass diese philosophische Deutung für alle Christen bindend sein sollte. In jedem Fall betonte Luther selbst die Realpräsenz Christi im Sakrament nachdrücklich.

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Luther sah Christi Leib und Blut gegenwärtig »in, mit und unter« den Gestalten von Brot und Wein. Es ereignet sich ein Austausch der Eigenschaften (communicatio idiomatum) von Christi Leib und Blut und den Elementen von Brot und Wein. Das schafft eine sakramentale Einheit zwischen dem Brot und Christi Leib und dem Wein und Christi Blut. Diese neue Art der Einheit, bestimmt durch den Austausch der Eigenschaften, wird analog zu der Einheit der göttlichen und menschlichen Natur in Christus gedacht. Luther verglich diese sakramentale Einheit auch mit der Einheit von Eisen und Feuer im feurigen Eisen.

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Als Konsequenz seines Verständnisses der Einsetzungsworte (»Trinket alle daraus«, Mt 26,27) kritisierte Luther, dass Laien verboten wurde, die Kommunion unter beiden Gestalten, Brot und Wein, zu empfangen. Er begründete seine Position nicht mit dem Argument, dass die Laien dann nur »den halben Christus« empfingen; vielmehr hielt er daran fest, dass sie auch unter einer Gestalt den ganzen oder vollen Christus empfangen. Angesichts der Deutlichkeit der Einsetzungsworte bestritt Luther der Kirche jedoch die Vollmacht, den Laien die Gestalt des Weines zu entziehen. Katholiken erinnern Lutheraner daran, dass die Einführung der Praxis der Kommunion unter einer Gestalt vor allem durch pastorale Gründe motiviert war.

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Luther verstand das Herrenmahl auch als gemeinschaftliches Ereignis, als wirkliches Mahl, in dem die gesegneten Elemente konsumiert und nicht nach der Kommunion aufbewahrt werden sollten. Er drängte darauf, alle Elemente zu konsumieren, damit die Frage der Dauer von Christi Gegenwart gar nicht aufkommen würde.44

Eucharistisches Opfer

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Luthers Haupteinwand gegen die katholische Eucharistielehre richtete sich gegen das Verständnis der Messe als Opfer. Die Theologie der Eucharistie als Realgedächtnis (anamnesis), in dem das eine und ein für allemal genugsame Opfer Christi (Hebr 9,1–10,18) sich selbst für die Teilnahme der Gläubigen gegenwärtig macht, wurde im späten Mittelalter nicht mehr voll verstanden. Darum sahen viele in der Messe ein weiteres Opfer, das zu dem einen Opfer Christi hinzukam. Entsprechend einer von Duns Scotus stammenden Theorie erwartete man von einer Vervielfältigung der Messen eine Vervielfältigung der Gnade, die dann einzelnen Personen zugewandt werden konnte. Das ist der Grund, warum zur Zeit Luthers zum Beispiel in der Schlosskirche von Wittenberg jährlich Tausende von Privatmessen gefeiert wurden.

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Luther bestand darauf, dass entsprechend den Einsetzungsworten Christus im Herrenmahl sich selbst denen gibt, die ihn empfangen, und dass er als Geschenk allein im Glauben empfangen, nicht aber dargebracht werden könne. Christus Gott darbringen zu wollen, würde die innere Struktur und Richtung der Eucharistie umkehren. In Luthers Augen würde ein Verständnis der Eucharistie als Opfer sie als ein gutes Werk verstehen, das wir tun und Gott darbringen. Zudem argumentierte er: Genau wie wir nicht anstelle eines anderen getauft werden können, können wir an der Eucharistie nicht anstelle eines anderen und zu seinem Nutzen teilnehmen. Anstatt das kostbarste Geschenk, das Christus ist und uns anbietet, zu empfangen, würden wir versuchen, Gott etwas anzubieten, und damit die göttliche Gabe in ein gutes Werk verwandeln.

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Trotzdem konnte Luther ein Opferelement in der Messe sehen: das Opfer des Dankens und Lobens. Es ist tatsächlich ein Opfer, insofern ein Mensch im Danken anerkennt, dass er oder sie der Gabe bedarf und dass seine oder ihre Situation sich allein durch den Empfang der Gabe ändern wird. Darum schließt wahres Empfangen im Glauben eine aktive Dimension ein, die nicht unterschätzt werden sollte.

43 H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. u. übersetzt v. P. Hünermann, Freiburg u. a. 40 2005
DH
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44 In seinem Brief an Simon Wolferinus vom 4. Juli 1543 schreibt Luther: »Du kannst nämlich, wie wir das hier [in Wittenberg] tun, das Übriggebliebene des Sakraments mit den Kommunikanten austrinken und aufessen, so dass es nicht nötig ist, diese Ärgernis erregenden und gefährlichen Fragen aufzuwerfen, wann die sakramentale Handlung aufhört« ( D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe) Briefwechsel, Weimar 1930–1985
WABr
10; 341,37–40 ).