Lutherisch-katholischer Dialog über die Rechtfertigung

122.

Luther und die anderen Reformatoren verstanden die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders als den »ersten und Hauptartikel«40 und »Lenker und Richter über alle Teile der christlichen Lehre«41. Das ist der Grund, warum die Trennung in dieser Frage so schwerwiegend war und warum die Arbeit an ihrer Überwindung ein Gegenstand von höchster Priorität für die katholisch-lutherischen Beziehungen wurde. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war diese Kontroverse Gegenstand umfangreicher Untersuchungen durch einzelne Theologen und eine Anzahl von nationalen und internationalen Dialogen.

123.

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen und Dialoge wurden in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zusammengefasst und 1999 mit dieser Erklärung offiziell durch die Römisch-katholische Kirche und den Lutherischen Weltbund rezipiert. Die folgende Darstellung stützt sich auf diese Erklärung, die einen differenzierenden Konsens bietet, der gemeinsame Aussagen zusammen mit unterschiedlichen Schwerpunkten jeder Seite enthält. Dabei wird der Anspruch erhoben, dass die Unterschiede diese Gemeinsamkeiten nicht entwerten. Es handelt sich also um einen Konsens, der Unterschiede nicht ausschließt, sondern ausdrücklich einschließt.

Allein durch Gnade

124.

Gemeinsam bekennen Katholiken und Lutheraner: »Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
15 ). Der Ausdruck »allein aus Gnade« wird folgendermaßen weiter erklärt: »die Botschaft von der Rechtfertigung [. . .] sagt uns, dass wir Sünder unser neues Leben allein der vergebenden und neuschaffenden Barmherzigkeit Gottes verdanken, die wir uns nur schenken lassen und im Glauben empfangen, aber nie – in welcher Form auch immer – verdienen können« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
17 ).

125.

In diesem Rahmen können die Grenzen und die Würde der menschlichen Freiheit bestimmt werden. Der Ausdruck »allein aus Gnade« wird mit Bezug auf die Bewegung des Menschen zum Heil so ausgelegt: »Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
19 )

Heinrich Bedford-Strohm
Wie viel Freiheit braucht der Mensch?

Freiheit ist ein Programmwort der heutigen Zeit. Martin Luther Kings berühmte „I have a dream“-Rede endet mit den Worten: „Free at last, free at last - „endlich frei“. Und die Biographie über Nelson Mandela hat den Titel: „A long walk to freedom“ – „ein langer Weg zur Freiheit“.

Aber was heißt Freiheit? In der Bibel heißt es: wirklich frei wird nur jemand, der aus der Gottesbeziehung leben kann. „Der Herr ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ – sagt Paulus (2. Kor. 3,17).

Für Martin Luther heißt Freiheit eines Christenmenschen deswegen ein Zweifaches: zum einen die innere Freiheit, dem eigenen Gewissen zu folgen, statt allein an äußeren Autoritäten orientiert zu sein – wir nennen das heute: Zivilcourage. Zum anderen aus dieser inneren Freiheit heraus sich für die Gemeinschaft einzusetzen.

Ein Verständnis von Freiheit als Unabhängigkeit von allen Verpflichtungen macht einsam. Das christliche Verständnis von Freiheit, das den Dienst am Nächsten einschließt, ist die Grundlage für ein erfülltes Leben.

 

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Bild: ELKB/mck.

126.

Wenn Lutheraner betonen, dass ein Mensch die Rechtfertigung nur empfangen kann, wollen sie damit »jede Möglichkeit eines eigenen Beitrags des Menschen zu seiner Rechtfertigung [verneinen], nicht aber sein volles personales Beteiligtsein im Glauben, das vom Wort Gottes selbst gewirkt wird« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
21 ).

127.

Wenn Katholiken über die Vorbereitung auf die Gnade mit Hilfe des Begriffs der Mitwirkung sprechen, meinen sie damit eine »personale Zustimmung« des Menschen, die »selbst eine Wirkung der Gnade und kein Tun des Menschen aus eigenen Kräften« ist. Darum heben sie nicht die gemeinsame Aussage auf, dass der Sünder »unfähig [ist], sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden oder seine Rechtfertigung zu verdienen oder mit eigener Kraft sein Heil zu erreichen. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
19 )

128.

Weil Glaube nicht nur als mit Zustimmung verbundenes Wissen verstanden wird, sondern als Vertrauen des Herzens, das sich auf das Wort Gottes gründet, kann weiter gemeinsam gesagt werden: »Rechtfertigung geschieht ›allein durch Gnade‹ ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
15 und 16 ), allein durch Glauben, der Mensch wird ›unabhängig von Werken‹ gerechtfertigt (Röm 3,28; vgl. Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
25)« (GE, Annex 2C).

Rosemarie Wenner, Bischöfin
Kann man dem Vertrauen vertrauen?

Vertrauen ist ein Vertrag. Diese Beschreibung hörte ich bei einer Weiterbildung im Rahmen des Bischofsrats der Evangelisch-methodistischen Kirche. Dieser Gedanke war mir zunächst fremd. Dann begann ich mit ihm umzugehen. Wie ist das mit dem Vertrauen zu Gott? Es gründet darin, dass Gott sich an uns Menschen bindet, uns in seinem Wort anspricht und uns in Christus zum Glauben einlädt.

Ich bin so frei und schlage in Gottes Angebot ein, wohl wissend, dass Gott der verlässlichere Partner ist. Auf Gottes Wirken zähle ich, wenn ich Vertrauen in Gott, in mich selbst und andere investiere. Ich werde Teil eines Netzwerkes – in der Bibel Leib Christi genannt – und mache mich mit anderen zusammen dran, die Welt im Sinne Gottes mit zu gestalten. Obwohl Vertrauen Herzenssache ist, erweist es sich nicht als Gefühlsduselei. Wer sich auf Gott verlässt, wird so leben wollen, dass er im Mitmenschen Gottes Ebenbild entdeckt und deshalb Vertrauen riskiert. Und das Zutrauen, das einem von anderen entgegengebracht wird, ist ein wertvolles Geschenk, das es fruchtbar zu machen gilt. So wird Vertrauen zu einem Investment in Menschlichkeit, das sich aus Gottes Zusagen speist.

Rosemarie Wenner ist Bischöfin der Evangelisch-metholdistischen Kirche in Deutschland.

129.

Was oft auseinandergerissen und der einen oder der anderen Konfession zugeschrieben wird, nicht aber beiden, wird jetzt in einem organischen Zusammenhang verstanden: »Wenn der Mensch an Christus im Glauben teilhat, rechnet ihm Gott seine Sünde nicht an und wirkt in ihm tätige Liebe durch den Heiligen Geist. Beide Aspekte des Gnadenhandelns Gottes dürfen nicht voneinander getrennt werden.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
22 )

Glaube und gute Werke

130.

Es ist wichtig, dass Lutheraner und Katholiken ein gemeinsames Verständnis des Zusammenhangs von Glaube und Werken haben: »Der Mensch vertraut im rechtfertigenden Glauben auf Gottes gnädige Verheißung, in dem die Hoffnung auf Gott und die Liebe zu ihm eingeschlossen sind. Dieser Glaube ist in der Liebe tätig; darum kann und darf der Christ nicht ohne Werke bleiben.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
25 ) Daher bekennen die Lutheraner auch die schöpferische Macht von Gottes Gnade, die »alle Dimensionen der Person [betrifft] und [. . .] zu einem Leben in Hoffnung und Liebe« führt ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
26 ). »Rechtfertigung allein durch Glauben« und »Erneuerung« müssen unterschieden, dürfen aber nicht getrennt werden.

131.

Zugleich gilt: »Aber alles, was im Menschen dem freien Geschenk des Glaubens vorausgeht und nachfolgt, ist nicht Grund der Rechtfertigung und verdient sie nicht« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
25 ). Das ist der Grund dafür, dass die schöpferische Wirkung, die Katholiken der rechtfertigenden Gnade zuschreiben, nicht als eine Qualität ohne Bezug zu Gott verstanden wird oder als »Besitz des Menschen, auf den er sich Gott gegenüber berufen könnte« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
27 ). Vielmehr berücksichtigt diese Sicht, dass die Gerechten in der neuen Beziehung zu Gott verwandelt und zu Kindern Gottes, die in einer neuen Gemeinschaft mit Christus leben, gemacht werden: »Dieses neue personale Verhältnis zu Gott gründet ganz und gar in der Gnädigkeit Gottes und bleibt stets vom heilsschöpferischen Wirken des gnädigen Gottes abhängig, der sich selbst treu bleibt und auf den der Mensch sich darum verlassen kann.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
27 )

132.

Zu der Frage der guten Werke stellen Katholiken und Lutheraner gemeinsam fest: »Wir bekennen zugleich, dass die Gebote Gottes für den Gerechtfertigten in Geltung bleiben und dass Christus in seinem Wort und Leben den Willen Gottes, der auch für den Gerechtfertigten Richtschnur seines Handelns ist, zum Ausdruck bringt.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
31 ) Jesus selbst wie auch die apostolischen Schriften ermahnen »den Christen, Werke der Liebe zu vollbringen«, gute Werke, die »der Rechtfertigung folgen und Früchte der Rechtfertigung sind« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
37 ). Damit der verpflichtende Anspruch der Gebote nicht missverstanden wird, wird gesagt: »Wenn Katholiken betonen, dass der Gerechtfertigte zur Beobachtung der Gebote Gottes gehalten ist, so verneinen sie damit nicht, dass die Gnade des ewigen Lebens den Kindern Gottes durch Jesus Christus erbarmungsvoll verheißen ist« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
33 ).

133.

Beide, Lutheraner und Katholiken, können den Wert der guten Werke für die Vertiefung der Gemeinschaft mit Christus (vgl. Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
38 f.) anerkennen, auch wenn Lutheraner betonen, dass die Gerechtigkeit als Annahme durch Gott und Anteilhabe an der Gerechtigkeit Christi immer ganz ist. Der kontroverse Begriff des Verdienstes wird so erklärt: »Wenn Katholiken an der ›Verdienstlichkeit‹ der guten Werke festhalten, so wollen sie sagen, dass diesen Werken nach dem biblischen Zeugnis ein Lohn im Himmel verheißen ist. Sie wollen die Verantwortung des Menschen für sein Handeln herausstellen, damit aber nicht den Geschenkcharakter der guten Werke bestreiten, geschweige denn verneinen, dass die Rechtfertigung selbst stets unverdientes Gnadengeschenk bleibt.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
38 )

Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD
Reicht ein gutes Werk am Tag?

Unsere Erde und die Menschen brauchen Gutes ohne Maß, weil die Not maßlos ist. Auf die Frage, ob es reiche, seinem Nächsten siebenmal zu vergeben, antwortet Jesus: Nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal. Vergebungsbereitschaft verträgt wie gute Taten von Menschen keine Limitierung. Unsere guten Taten werden nie reichen, um die Erde in ein Paradies zu verwandeln. Und auch nicht, um uns als gute Menschen die Seligkeit zu verdienen!

Luther kehrte den Zusammenhang um: Nicht die gute Tat macht den guten Menschen, sondern der gute Mensch die gute Tat. Im Bild gesprochen: Nur ein guter Baum bringt gute Früchte. Die Pointe dieser Umkehrung: Nicht wir selbst, sondern Gott macht uns zu guten Menschen, indem er uns vergibt und aus Liebe gerecht spricht. Diese Erfahrung verändert. Sie weckt Glauben, Hoffnung und Liebe. Daraus erwachsen gute Taten als Früchte der Dankbarkeit.
„Jeden Tag eine gute Tat“ ist eine gute Regel im Sinne dieser Dankbarkeit – als Ermutigung zum verantwortlichen Handeln an jedemTag unseres Lebens. Es ist eine Regel, die das Tun des Guten auf das Maß des menschlich Möglichen bezieht, weil wir weder uns selbst noch die Welt damit retten müssen.

Dr. h.c. Nikolaus Schneider ist Vorsitzender der Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

134.

Im Blick auf die viel diskutierte Frage der menschlichen Kooperation formuliert der Annex zur Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre die gemeinsame Position in höchst bemerkenswerter Weise mit einem Zitat aus den lutherischen Bekenntnisschriften: »Gottes Gnadenwirken schließt das Handeln des Menschen nicht aus: Gott wirkt alles, das Wollen und Vollbringen, daher sind wir aufgerufen, uns zu mühen (vgl. Phil 2,12f.). ›... alsbald der Heilige Geist, wie gesagt, durchs Wort und heilige Sakrament solch sein Werk der Wiedergeburt und Erneuerung in uns angefangen hat, so ist es gewiss, dass wir durch die Kraft des Heiligen Geists mitwirken können und sollen . . .‹ ( Formula Concordiae. Solida Declaratio (BSLK 829–1100)
FC SD
II,64f., Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
897,37 ff. ).« (Annex 2C)42


Simul iustus et peccator

135.

In der Debatte über die Unterschiede mit Bezug auf die Aussage, dass ein Christ »zugleich Gerechtfertigter und Sünder« sei, hat sich gezeigt, dass die beiden Seiten nicht genau dasselbe unter den Begriffen »Sünde«, »Begierde« und »Gerechtigkeit« verstehen. Um zu einem Konsens zu kommen, ist es notwendig, sich nicht allein auf die Formulierung zu konzentrieren, sondern auch auf den Inhalt. Mit Römer 6,12, und 2 Korinther 5,17, sagen Katholiken und Lutheraner, dass im Christen die Sünde nicht regieren darf und sollte. Weiter erklären sie mit 1 Johannes 1,8–10, dass Christen nicht ohne Sünde sind. Sie sprechen von der »Gottwidrigkeit des selbstsüchtigen Begehrens des alten Menschen« auch im Gerechtfertigten, die einen »lebenslangen Kampf« dagegen notwendig macht ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
28 ).

Hans-Jochen Jaschke
Was ist eine Sünde wert?

Nein, die Sünde hat keinen Wert. Sie ist ein Nein zu Gott und seinem heiligen Willen. Sie verletzt und beschädigt die Menschen.
Der Christenmensch und jeder religiöse Mensch weiß und erfährt, wie im Licht Gottes die Sünde hervortritt. Vor Christus, dem Heiligen Gottes, kann sie sich nicht verbergen, wird ihre böse Fratze entlarvt. Vor ihm kann die Sünde nicht bestehen. Sie muss überwunden werden, ruft nach Heilung. Christus ist gekommen, um die Sünder zu berufen, nicht die scheinbar Gerechten. Wer sich vor ihm als Sünder erfährt, erhält Vergebung, darf als Erlöster leben, einen neuen Weg gehen. Luther hat die bleibende Macht der Sünde gesehen. Sie lauert immer vor der Tür: im eigenen Leben, im Leben der Kirche. Wir erfahren uns im Kampf gegen die Sünde und wissen um den nie abgeschlossenen Prozess der Erneuerung.

Die Heilige Kirche wird zutiefst beschämt durch die Sünden ihrer Glieder, ganz besonders durch das, was sie den „Kleinen“, den Unschuldigen antun. Dies mit Scheinheiligkeit zu übertünchen ist schlimme und üble Heuchelei. Wir müssen die Sünde als bittere Realität des Lebens bekennen, nur so dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns in ihr nicht verkommen lässt. Nur so hören wir sein
befreiendes Wort: Geh hin und sündige nicht mehr.

Dr. Hans-Jochen Jaschke ist Weihbischof im Erzbistum Hamburg und Mitglied der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz. Bild: Erzbistum Hamburg

136.

Diese Neigung entspricht »nicht dem ursprünglichen Plan Gottes vom Menschen« und ist »objektiv Gottwidrigkeit« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
30 ), wie Katholiken sagen. Weil Sünde für sie den Charakter eines Aktes hat, sprechen Katholiken hier nicht von Sünde, während Lutheraner in der Gott widersprechenden Neigung die Weigerung, sich selbst Gott ganz hinzugeben, und damit Sünde sehen. Aber beide betonen, dass diese Gott widersprechende Tendenz den Gerechtfertigten nicht von Gott trennt.

Heilsgewissheit

137.

Kardinal Cajetan kam nach dem Studium von Schriften Luthers im Rahmen seines eigenen theologischen Systems zu dem Schluss, dass Luthers Verständnis der Glaubensgewissheit die Gründung einer neuen Kirche impliziere. Der katholisch-lutherische Dialog hat die unterschiedlichen Denkformen Cajetans und Luthers, die zu ihrem gegenseitigen Missverständnis führten, genau bestimmt. Heute kann gesagt werden: »Katholiken können das Anliegen der Reformatoren teilen, den Glauben auf die objektive Wirklichkeit der Verheißung Christi zu gründen, von der eigenen Erfahrung abzusehen und allein auf Christi Verheißungswort zu vertrauen (vgl. Mt 16,19; 18,18).« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
36 )

Fazit

138.

Lutheraner und Katholiken haben wechselseitig die Lehren der je anderen Konfession verworfen. Darum enthält der differenzierende Konsens, wie ihn die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre repräsentiert, einen Doppelaspekt. Auf der einen Seite beansprucht die Erklärung, dass die wechselseitigen Verwerfungen, wie sie die katholische und lutherische Lehre enthalten, die je andere Konfession nicht treffen. Auf der anderen Seite bekräftigt die Erklärung positiv einen Konsens in den Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre: »Das in dieser Erklärung dargelegte Verständnis der Rechtfertigungslehre zeigt, dass zwischen Lutheranern und Katholiken ein Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre besteht.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
40 )

139.

Im Licht dieses Konsenses sind die »verbleibenden Unterschiede in der Sprache, der theologischen Ausgestaltung und der Akzentsetzung des Rechtfertigungsverständnisses tragbar [. . .]. Deshalb sind die lutherische und die römisch-katholische Entfaltung des Rechtfertigungsglaubens in ihrer Verschiedenheit offen aufeinander hin und heben den Konsens in den Grundwahrheiten nicht wieder auf.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
40 ) »Damit erscheinen auch die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts, soweit sie sich auf die Lehre von der Rechtfertigung beziehen, in einem neuen Licht: Die in dieser Erklärung vorgelegte Lehre der lutherischen Kirchen wird nicht von den Verurteilungen des Trienter Konzils getroffen. Die Verwerfungen der lutherischen Bekenntnisschriften treffen nicht die in dieser Erklärung vorgelegte Lehre der römisch-katholischen Kirche.« ( Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle Feststellung. Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung, Frankfurt/Paderborn 1999
GE
41 ) Das ist eine höchst bemerkenswerte Antwort auf die Konflikte um diese Lehre, die beinahe ein halbes Jahrtausend andauerten.

35 »Facienti quod in se est Deus non denegat gratiam.«

36 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
40/I; 229,15 (Galater-Vorlesung; 1535): »in ipsa fide Christus adest«.

37 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
1; 227,17 f. (Disputation gegen die scholastische Theologie; 1517).

38 Vgl. Luther, Kleiner Katechismus ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
507,34–510,24).

40 Schmalkaldische Artikel II,1 ( Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
415,6 ).

41 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Weimar 1883–2009
WA
39/I; 205,2 f. (Promotionsdisputation von Palladius und Tilemann; 1537).

42 Hier zitiert der Annex zur Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre die lutherische Bekenntnisschrift Formula Concordiae. Solida Declaratio (vgl. Die Apostolizität der Kirche. Studiendokument der Lutherisch/ Römisch- katholischen Kommission für die Einheit, Paderborn/Frankfurt 2009
BSLK
829–1100, hier: 897,37 ff.).