Katholische Anliegen im Blick auf die Rechtfertigung

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Sogar im 16. Jahrhundert gab es eine beachtliche Konvergenz zwischen den lutherischen und katholischen Auffassungen hinsichtlich der Notwendigkeit von Gottes Gnade und der Unfähigkeit, das Heil aus eigenen Kräften zu erlangen. Das Konzil von Trient lehrte unzweideutig, dass der Sünder weder durch das Gesetz noch durch menschliche Anstrengungen gerechtfertigt wird. Es belegte mit dem Anathema jeden, der sagte, »der Mensch könne durch seine Werke, die durch die Kräfte der menschlichen Natur oder vermittels der Lehre des Gesetzes getan werden, ohne die göttliche Gnade durch Christus Jesus vor Gott gerechtfertigt werden«39.

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Katholiken fanden jedoch einige von Luthers Auffassungen beunruhigend. Einiges an Luthers Sprache weckte in ihnen die Sorge, dass er die personale Verantwortung des Menschen für seine Handlungen leugnete. Das erklärt, warum das Konzil von Trient die Verantwortung der menschlichen Person und ihre Fähigkeit zum Mitwirken mit der göttlichen Gnade betonte. Katholiken unterstrichen, dass der Gerechtfertigte in die Entfaltung der Gnade in seinem Leben mit einbezogen werden sollte. Darum tragen menschliche Anstrengungen im Gerechtfertigten zu einem intensiveren Wachstum in der Gnade und in der Gemeinschaft mit Gott bei.

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Darüber hinaus schien nach der katholischen Lesart Luthers Auffassung von der forensischen Anrechnung die schöpferische Kraft von Gottes Gnade, Sünde zu überwinden und den Gerechtfertigten zu verwandeln, zu verneinen. Katholiken wollten nicht nur die Sündenvergebung betonen, sondern auch die Heiligung des Sünders. Darum erhält der Christ in der Heiligung jene »Gerechtigkeit Gottes«, durch die uns Gott gerecht macht.